Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 178)
- Language
- German
- Belongs to
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176 MUSIK Musik und die Juden. Von JOACHIM STUTSCHEWSKY (Wien). Seit Generationen ist die Kunst, insbesondere die Musik, dem Judentum in vieler Hinsicht sehr stark verpflichtet. Viele Juden standen und stehen als Instrumentalisten und Komponisten — ob getauft oder nicht — in vorderster Reihe der Musikentwicklung: als Wahrer alter Tradition, als Lehrer, Mittler, Führer und Neuerer. In allen Ländern ist die Musik durch jüdischen Geist, durch jüdische Empfindung, durch jüdisches Einfühlungs- und Gestaltungsvermögen befruchtet, bereichert und vorwärts getrieben worden. Aber das Aufgehen im fremden Volkstum, im fremden Milieu hinderte den Juden an der Entwicklung seines eigenen Schaffens, seiner eigenen Produktion bis zur reifsten Vollendung. Dadurch entstand die falsche Meinung, dass der Jude in der Musik schöpferisch nicht begabt, nicht vollwertig zu nehmen ist. Und die Ursache? Seit zweitausend Jahren leben die Juden in fremden Welten und sind in so viele Teile zerrissen, als es Völker, Länder, Städte, Gassen und Sprachen gibt. Stets eine Minorität bildend, mussten sie, gezwungen durch die Forderungen des Lebens und den Erhaltungstrieb, ihr Leben, ihre Gedanken und ihre Sprache an die der Majorität immer mehr anpassen. So lebte auch der jüdische Musiker, der jüdische Künstler überhaupt — seit etwa hundert Jahren kennen wir Kompositionen von Juden — innerhalb des europäischen Kontinents bis vor kurzem als etwas Halbes. Halb Russe, halb Deutscher, halb Franzose. Nirgends ein Ganzes, niemals er selbst. Sein Leben und Wirken beruhte auf Täuschung. Täuschung seiner