Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 169)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4919024-4919342--0487-4919511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
167 Eine Labe ohnegleichen ist der Kidduschwein und alle Süpplein und Speisen schmecken hundertmal besser als an gewöhnlichen Tagen. Auch der Schlaf am Nachmittag, wenn man einen tut, ist kräftigender als der alltägliche Schlaf, traumlos oder von lieblichen Bildern umwiegt. Der Pinsel und Palette und Radierplatten wird nicht gedacht an diesem Tage — es gibt grosse und kleine Dinge auf dieser Welt, die Kunst ist etwas Schönes und eine Gottesgabe, der Sabbath aber ist gross, eine Herrlichkeit und Freude und vom Fittichrauschen der Ewigkeit berührt; eine Vorahnung ist er jenes seligen Friedens der zukünftigen Welt, die verheissen ist den Frommen. Halten wir das Fest: der Sabbath ist gross, er ist uns von Gott gegeben; wir Juden aber müssen das Grosse in Ehren halten, bewahren und üben. Jüdische Religiosität dämpft das Triebleben, beschwichtigt des Herzens Gelüste und verjagt endlich die Dämonen und der als verwegener Künstler oder Dichter nur seinen Tollheiten Gehör gab, wird allmählich, unter der Zucht der Thora, ein gar bescheidnes, stilles und friedfertiges Menschlein, das jegliche Verwegenheiten von sich weist und darum auch nicht das rechte Instrument sein kann, darauf der Genius seine bezaubernden und lieblichen Weisen spielt, welche, in Klammern bemerkt, heutigentags gar nicht so sehr bezaubernd sind, als frech, zuchtlos, abgeschmackt und voll freventlicher Auflehnung gegen die Herrschaft der himmlischen Mächte. Wie schwer ist das Leben eines thoratreuen Juden! Wie ein Windhund muss er rennen, jeden Tag, um alle Gebote erfüllen zu können und wie ein Fuchs dahinter sein, um den religiösen Stoff, den ungeheuren, sich einzuverleiben. Und welche Macht gehört dazu, das weite Reich unserer Tefillah mit Seelenglut zu erfüllen, Tag für Tag, Morgens und Abends. Aber ach, tausend kraftlose, schmähliche Gebete werden gesagt, ehe ein einziges, gefühltes zum Himmel steigt. Dennoch heisst es ausharren hier und wehe, wer sich losmacht von diesem Dienst. Vereinsamt steht de" Thorafreund in unserer gottentfremdeten Welt; der