Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 160)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Alte Zeremonien, wie die Umzüge mit der Bundeslade, der Aufbau der Laubhütte im Freien, die Hochzeitsprozessionen, das Beten unter freiem Himmel nach Eintritt des Neumondes und anderes, spielen im Rituale eine wichtige Rolle. Daher ist die Schaffung von abgesonderten Plätzen und abgemauerten Bezirken sowie das vollständige Abschliessen gegen die Strasse ein grundlegendes Erfordernis. Der jüdische Gottesdienst seit der Diaspora, der Zerstörung des zweiten Tempels, wurzelt in der Realität und hat seinem ursprünglichen Wesen nach mit Mystik nichts zu tun... Die neueren Synagogen berücksichtigen fast nie diese wichtige und grundlegende Tatsache, und es ist ein vollkommenes Verkennen der Aufgabe, wenn hiebei anderen fremden Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Die in neuerer Zeit entstandenen freisinnigen Gottesdienste haben durch Weglassen alter jüdischer Riten, durch Einführung des Tempelchorgesanges und eine falsche Repräsentation den Synagogentypus so verändert, dass er fast gar keine Beziehung mehr zur alt jüdischen Tradition aufweist. Man findet sogar neuere Synagogen, die als Grundriss die Kreuzform den christlichen Vorbildern entlehnt haben. Ebenso ist der Kuppelraum als Bauform ganz unjüdisch; es wird damit eine Mystik betont, ein Distanzieren zwischen Priester und Zuhörer in der baulichen Anlage, die dem jüdischen Kult immer fremd waren. Der Vorleseplatz zumeist mit der Bundeslade an einer Stelle vereinigt, die der Zuhörerschaft entrückt ist. Es wird damit ein Vorn und Hinten geschaffen, wodurch die charakteristische Sitzanordnung um den zentral angeordneten Almemor vollkommen verloren ging. Trotzdem werden in solchen Bethäusern ohne Almemor am Fest der Thorafreude Umzüge mit den Thorarollen veranstaltet, bei denen der fehlende Almemor den natürlichen Mittelpunkt abgeben sollte (!) Es kam so zu einer Schablone des Dekorierens als einzigem Auskunftsmittel, um das Jüdische zu betonen. Davidschild und Gesetzestafeln sind aber zu wenig, um einer Synagoge ihren Charakter zu geben.