Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 132)
- Language
- German
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130 seits". Aber in Wahrheit hatten wir einander bekehrt. 5. Rosenzweig hatte richtig erkannt, dass für mich eine der wesentlichen Aufgaben der Schriftübertragung „das Aufgraben des hebräischen Gehalts des einzelnen Worts" war. Ich war im Lauf jenes zehnjährigen Nachdenkens zu der Einsicht gelangt, dass man von den abgeschliffenen angeblichen Bedeutungen der biblischen Vokabeln, die man in den Wörterbüchern findet, zurückgreifen muss auf ihre sinnlichen Urbedeutungen, soweit sie aus hebräischer und (mit Vorsicht) sonstiger semitischer Etymologie zu erschliessen sind, immer beachtend, dass die sog. Synonyma einer Sprache untereinander in ihrem sinnlichen Gehalt oft heftig differieren, dass aber auch die einander entsprechenden Begriffe verschiedener Sprachen sich in vielen Fällen keineswegs sinnlich decken, ja dass gerade in diesem Auseinandergehn die Eigentümlichkeiten der Volkscharaktere sich besonders deutlich bildhaft bekunden, freilich auch dies berücksichtigend, dass in der Übertragung die sinnliche Urbedeutung eines Wortes nicht überall in gleicher Stärke, und nirgends ungebührlich stark hervortreten darf. Rosenzweig ging nun auf jene meine Tendenz zum „Aufgraben" nicht bloss ein, sondern gerade in diesem Bereich entfaltete sich sein selbständigster und produktivster Anteil. Es waren vor allem die kultischen und theologischen Bezeichnungen, die er aus dem Zustand der Verwaschenheit, dem sie anheimgefallen sind, durch Wiederherstellung der charakteristischen Grundfarbe zu befreien suchte, wobei er in einzelnen Fällen mit Recht nicht von der wirklichen Etymologie, sondern von der in der Bibel geltenden Volksetymologie ausging. Für seine Funde setzte er sich leidenschaftlich ein, zuweilen so fanatisch, das ich — wie in andern Belangen, so auch hier — als mahnender Grenzwart der deutschen Sprache oder gar als Anwalt des verstehensollenden Lesers fungieren musste. Aber das Fechten gegeneinander war doch nur eine sehr sekundäre Erscheinung, das Eigentlichste unsrer Arbeit war ein gemeinsames Ringen um die Adäquatheit, dem bedeutsamerweise an den höchsten und entscheidenden Punkten ein ge-