Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 130)
- Language
- German
- Belongs to
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128 deutschung der Schrift versuchen müsste, von der Geschriebenheit des Wortes auf seine ursprüngliche und in jeder echten Vorlesung wieder laut werdende Gesprochenheit zurückzusehen. Daraus ergab sich, dass der Text der Übertragung in natürliche, von den Gesetzen des menschlichen Atems regierte, sinnmässig geschlossene Sprech-Absätze, die sog. Kola (daher die typographische Anordnung Kolometrie genannt) zu gliedern war, von denen jeder eine leicht sprechbare und leicht merkbare, also rhythmisch geordnete Einheit bildet, wie ja schon alle frühere mündliche Überlieferung auf das leicht Sprechbare und leicht Merkbare ausgeht, also rhythmusbildend wirkt. Diese meine Ansicht hat Rosenzweig sehr bald zu seiner eigenen gemacht und in einem Aufsatz „Die Schrift und das Wort" (abgedruckt in der Zeitschrift „Die Kreatur", I. Jahrgang, 1. Heft) auf die schönste Weise gedeutet und begründet. Der Kolen-Bau war übrigens das einzige, in das er mir nie hereinreden wollte. „Ich könnte kein Kolon zustandebringen", pflegte er zu sagen. 3. Wir hatten bald gemerkt, dass manche Formen der sog. Paronomasie, d. h. der Verwendung worthafter oder lautlicher Ähnlichkeit, von der Schrift sehr oft nicht als stilistische Verzierung, sondern als sprechendes Zeichen der besonderen Gewichtigkeit oder Sinnfülle einer Stelle gemeint waren und dass daher z. B. die Alliteration wiedergegeben werden musste, wo die deutsche Sprache es zuliess. Darüber wachte dann Rosenzweig mit einer genialen Pedanterie. Ich spürte aber bald bei der Arbeit heraus, dass das Prinzip der Wiederholung und Entsprechung in der Bibel eine sowohl extensiv wie intensiv noch weit grössere Geltung hatte. Wenn die Bibel etwa erzählt, fügt sie zwar dem Bericht der Begebenheit keine „Moral der Geschichte" an, iaber sie lenkt durch, je nachdem zarte oder kräftige, nur ein Wurzelwort abwandelnde oder ganze Sätze refrainartig vervielfachende, Wiederholungen, also dadurch, dass sie zwei oder mehrere Stellen in eine Entsprechung zueinander setzt, unsere organische Aufmerksamkeit auf einen Sinn der Erzählung, der uns erscheinen