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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 125

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 125 (sequence 127)
Language
German
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125 nehmen wolle, gleichviel wie, als Neuherausgabe, als Bearbeitung, als eigenes Werk. Dieser Brief eines durchaus deutschstämmigen Christen1) mutete mich wie ein Zeichen an. Ich las ihn Franz Rosenzweig vor und fügte hinzu, ich sei geneigt auf den Vorschlag einzugehen, aber nur, wenn er, Rosenzweig, mitmache. Ich merkte, dass meine Äusserung ihn zugleich erfreute und aufstörte. Ich habe das später verstanden. Zwar erwartete er damals nicht mehr, wie in der ersten Zeit der Krankheit, den Tod in den nächsten Wochen oder Monaten, aber er hatte es aufgegeben, auf den Rest seines Lebens ein grösseres Zeitmass anzuwenden. Nun wurde ihm ein Anteil an einem Werk angeboten und also zugetraut, das (wie er viel früher als ich erkannte) eine Reihe intensivster Arbeitsjahre erheischte. Es galt, sich auf eine andere Zukunftsrechnung einzulassen.2) Denn auch Rosenzweig glaubte, wie ich, in aller Nüchternheit an Zeichen, nur stärker als ich. Er sagte (d. h., da er schon längst nicht mehr sprechen konnte, er gab auf einer mühseligen Apparatur mit unsicherem Finger einen, zwei, drei Buchstaben von jedem Worte an, seine Frau erriet es und sprach es aus): „Wir wollen mal einen Versuch wagen." Es war klar, was er meinte: wir sollten jene Kontroverse praktisch entscheiden, indem wir beide Methoden an einem Kapitel der Schrift erprobten und so ermittelten, ob eine von ihnen, welche von ihnen für uns gangbar war. „Welches Kapitel?" fragte ich. Er antwortete: „Das erste." Natürlich begannen wir mit dem Versuch, Luther zu revidieren. Wir nahmen einen Vers nach dem andern vor und änderten, was uns von unserem Sprachwissen und Sprachbewusstsein aus änderungsbedürftig erschien. Nach einem Tag Arbeit standen wir vor einem Trümmerhaufen. Es hatte sich erwiesen, dass man auf diesem Weg nirgends hinkam. Es hatte sich 1) Er ist der gemeinsamen Sache seither in vorbildlicher Weise treu geblieben. 2) Doch stammt die Wendung auf dem Titelblatt „zu verdeutschen untern ommen" von Rosenzweig und hat die Bedeutung des steten Gefasstseins auf das Ende.

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