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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 121

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 121 (sequence 123)
Language
German
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121 einen ursprünglichen Mittelpunkt. In ihm sammelt sich alles geistige Schwergewicht, so wie alle Energien von ihm ausgehen. Der jüdische Mensch hat aber nicht nur einen Mittelpunkt; er lässt sich nicht durch einen Kreis symbolisieren. Auf ihn, der im Jüdischen einen genau so bedeutsamen Mittelpunkt hat, wie im allgemein Menschlichen, passt wohl eher das Bild einer Ellipse mit ihren zwei Brennpunkten. Es gibt Teile des jüdischen Lebensinhaltes, die dem einen, und solche, die dem anderen Brennpunkte näher stehen. Erst in ihrer Summe ergeben die Entfernungen von den beiden Brennpunkten den ganzen Menschen. Daher mag es kommen, dass der jüdische Mensch die Dinge des Lebens freier sehen kann, nämlich von einer doppelten Stellung aus, dass er objektiver, kritischer zu sein pflegt und seine besondere Freude an Witz, Ironie, ja Selbstironie hat, weil es hier auf die Doppelsichtigkeit der Welt ankommt. Die Kunst der Anpassung, der Beweglichkeit, der geistigen Umstellung ist die Folge seiner elliptischen Situation. Vielleicht erscheint er dadurch anderen oft unklar, wie mit einem geheimen Reservat spielend, wie noch in einer geheimen Beziehung zu den Dingen stehend. Und doch ist der Jude gerade durch den doppelten Brennpunkt doppelt leidenschaftlich, wenn er einmal von einer Sache gepackt ist, und geht leicht über die Wirklichkeit auf die letzten Menschheitsziele los. Aus der gleichen Quelle rührt aber auch seine zärtliche und fürsorgliche Gebundenheit an Menschen und Stätten, in denen sein Jüdisches sich heimisch weiss. Die innere Kraftbeziehung zwischen den beiden Brennpunkten, den beiden Herzen des jüdischen Menschen, erzeugt das Spannungsgefühl, das ihn ständig in Atem hält. Immer fühlt er sich im Leben beobachtet, und darum, wie einer, der sich beobachtet fühlt, oftmals unfrei. Das starke jüdische Gruppenbedürfnis hat einen geradezu physiologischen Antrieb darin, auch einmal entspannen zu dürfen. Das geht ja oft so weit, dass Juden, wenn sie untereinander sind, leicht formlos, unpünktlich, autoritätlos werden. Es ist eben im buchstäblichen Sinne des Wortes nicht einfach, Jude zu sein.

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