Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 120 (sequence 122)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4919024-4919342--0440-4919464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

120 für den allmenschlichen Zweck die Bewahrung des jüdischen Bewusstseins ist. Man könnte freilich einwenden, dass auch das Wirgefühl des Katholiken über viele Völker und Sprachen reicht, schliesslich auch das Wirgefühl des Esperantisten oder das einer internationalen Turnbruderschaft, und dass man doch hier nicht von einer latenten Spannung zwischen diesem und einem, allgemeinen Wirgefühl sprechen könne. Nun ist aber das jüdische Wirgefühl von anderer Art als das einer Gesinnungsgruppe oder gar eines Zweckverbandes und dies aus dem Grunde, weil das sonstige Wirgefühl, wie z. B. das deutsche, französische, russische, jene über die Welt verstreuten katholischen, esperantistischen usw. Wirgefühle in sich aufgenommen hat, während gerade umgekehrt das über die Welt verstreute jüdische Wirgefühl die deutschen, französischen, russischen Wirgefühle zu sich hinzugenommen hat. Die Richtung der Wiraufnahme, die Tatsache, dass sich die Juden in der nicht jüdischen Welt emancipiert haben, und nicht die übrige Welt in der jüdischen, ist unauslöschbare, fortwirkende Erinnerung. Darum hat das jüdische Wir eine besondere Schwere und geht nicht einfach in den Schichtungen des allgemeinen Wir auf. Die jüdische Geschichte, namentlich seit der Zeit der Emanzipation, scheint mir die Geschichte der seelischen Spannung zwischen Jüdischem und allgemein Menschlichem zu sein und damit eine der interessantesten und schwierigsten Erscheinungen, die ganz zu verstehen nur möglich ist für jemanden, der zumindest einfühlend in dieser Situation gestanden ist. Vielleicht lässt sich für sie ein Bild verwenden, das die Wirklichkeit ein wenig vereinfacht, aber gerade dadurch die Grundlinien sichtbarer werden lässt. Wenn wir für den Menschen, der in irgend einer geistigen Kultur steht, in welcher Geschichte und ökonomisches Leben verschmolzen sind, ein Symbol suchen, so können wir am besten das Bild eines Kreises dafür verwenden. Alle Punkte der Peripherie sind dem einen Mittelpunkte in gleicher Weise zugekehrt und alle Kreise, die neu hinzuwachsen, ordnen sich um den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.