Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 120)
- Language
- German
- Belongs to
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118 heitskämpfer, ob Leninisten oder Pazifisten, für die Abschaffung ihrer Volks- und Sprachgemeinschaft. Hier aber zeigt sich eine Besonderheit der jüdischen Situation. Nur den Juden bewegt in den verschiedensten Abwandlungen das eigentümliche Spannungsgefühl zwischen „Judesein" und „Menschsein". Dabei ist unter Judesein die Zugehörigkeit zu einem deutlich abgrenzbaren, innerlich vertrauten menschlichen Kreis verstanden, mit dessen Geschichte und organischer Einheit wir urverwandt sind, und unter Menschsein, die Zugehörigkeit und atmosphärische Verbundenheit mit der Welt, deren Rhythmus wir als den herrschenden Rhytmus auch unseres gedanklichen, ökonomischen und zivilisatorischen Lebens spüren. Judesein heisst also nicht, abseits vom Menschenwege leben, und Menschsein heisst nicht, individuelle Besonderheiten ausgemerzt haben. Aber während dort die beifügende Verengung, das Judesein, ebenso wie etwa das Slawe-, Engländer-, Amerikanersein, mehr als die Bezeichnung für eine Herkunft ist, nämlich die eines Willens, der auf ein bestimmtes Wirgefühl hinzielt, kennt das Menschsein jene Beifügungen lediglich als Herkunftbezeichnung, über welche es nicht hinwegsieht, aber über die es hinausdenkt. Die ständige innerjüdische Debatte, deren zentrales Thema auch heute noch Ghetto und freie Welt ist, die Ablehnung des Peinlich - Jüdischen durch Juden, denen Allgemein-Menschsein soviel wie Deutscher-, Engländer-, Tscheche-Sein bedeutet, der sich nicht beruhigende Monolog des äusserlich angegriffenen jüdischen Bewusstseins, welches mit sich ins Reine kommen will, das alles sind unüberhörbare Symptome jenes Spannungsgefühles zwischen Judesein und Allgemein-Menschsein. Was bei anderen Wir-Gruppen eine Angelegenheit persönlicher Gesinnung ist, wird in der jüdischen Gruppe von heute zu einem Massenproblem. Von der Namengebung seines Kindes bis zur Befriedigung des sozialen Geltungstriebes verlässt den Juden niemals das unterdrückte oder verschleierte oder hervorgekehrte Bewusstsein, dass sein jüdisches Wir