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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 116

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 116 (sequence 118)
Language
German
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116 ist; ist man es einem bestimmten Ereignis gegenüber, dem Donner oder einer Krankheit, dann ist dies ein gewöhnliches Ereignis des menschlichen Lebens; fühlen wir uns aber hilflos dem „Ganzen" gegenüber, mit voller Erfassung dieses Begriffes des „Ganzen", so ist dieses Gefühl der Hilflosigkeit bereits ein religiöses Erlebnis. Unser Glaube ist für Freud willkürlich; wir sagen: die wahre Vertrauensentscheidung und die schöpferische Wertsetzung sind frei. Der Unterschied liegt wieder im Begriff der Ganzheit; bei willkürlicher Entscheidung habe ich die Wahl des Objekts; bei der wahren Vertrauensentscheidung und der schöpferischen Wertsetzung, bei „Ganzheit" des Objekts also, habe ich nur die Wahl zwischen Ja und Nein. Willkür steht also den Teilen gegenüber, Freiheit dem Ganzen. Willkürliche Entscheidung ist aus diesem Grunde der Gefahr des Widerspruchs und zwar des unlösbaren Widerspruchs ausgesetzt; daher ist sie unsicher; daher kann sie keinen giltigen Wert schaffen. Die freie Setzung kennt diese Gefahr nicht, weil ihr Objekt auf Widerspruchlosigkeit aufgebaut ist. Daher kann nur sie wertbegründend sein. Der Zweck des Glaubens ist nach Freud Nützlichkeit, Tröstung, Erleichterung des Lebens. Erweitert man aber wieder das Objekt so, dass es den Charakter der Universität und Widerspruchslosigkeit erhält, so kann man nicht mehr von Nützlichkeit reden; sondern darf dies schon Grundlegung nennen. Auch hier liegt derselbe Unterschied vor: Nützlichkeit bezieht sich auf einen Teil, Freiheit auf das Ganze. Die Wertsetzung erleichtert nicht das Leben, sondern: sie ermöglicht ein geistiges Leben. Darum ist die schöpferische Wertsetzung auch keine Fiktion. Denn wir behandeln diese Werte nicht, „als ob" sie giltig wären, wir benehmen uns nicht, als ob wir eine Sicherheit hätten; es gibt vielmehr keine andere Sicherheit und keine andere Gültigkeit als die der freien Setzung des Ganzen. Und darum ist dieser Weg keine Fiktion, sondern, eine schöpferische Tat.

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