Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 117)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4919024-4919342--0435-4919459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
115 Element bis zur Widerspruchsfreiheit des Ganzen verarbeiten. Die FreiheitdesAktesist schon durch die „Ganzheit" des Vertrauensgegenstandes gegeben. Ganzheit schliesst eben jede Vergleichsmöglichkeit und daher jede zureichende Motivation aus. Einem solchen „Ganzen" gegenüber kann man nur Ja oder Nein sagen; und dieses Ja oder Nein ist der freien Entscheidung überlassen. Religiös gesprochen: Man kann Gott nicht beurteilen; denn er ist grösser als jede denkbare Urteils- Materie und er ist umfassender als alle denkbaren Motive. Man kann nur frei entscheiden: Vertrauen oder nicht Vertrauen. Das ist der Ursprung des Glaubens. Ich habe schon erwähnt: Freud sucht auch diesen Ursprung des Glaubens zu widerlegen, aber er vermag nicht ihn zu widerlegen, sondern nur seine verkleinerte, ihres wahren Wesens beraubte Form. Die Konfrontation mit dem Universum wird ihm zur Hilflosigkeit. Die Grundlegung wird ihm zur Nützlichkeit. Die Freiheit wird ihm zur Willkür. Und so die schöpferische Wertsetzung, die Vertrauensentscheidung, zur Fiktion. Die Verfälschung dieser Begriffe liegt darin, dass man ihnen ein Wesentliches raubt: die Ganzheit, d. i. Universalität und Widerspruchslosigkeit des Objekts. Dadurch werden sie verkleinert und ihrer schöpferischen Kraft beraubt. Denn: Die Ganzheit des. Objektes ist es, welche unserer Entscheidung erst den religiösen, wertschöpferischen Charakter gibt. Die Universalität und Widerspruchlosigkeit als ewige Aufgaben des Geistes, und als ewiges Erfordernis des höchsten Entscheidungsobjektes machen unser Ja und Nein zur wahren Auseinandersetzung unseres Geistes mit Gott; gestatten wahre Grundlegung; geben menschlicher Entscheidungsfreiheit metaphysischen Sinn. Siegmund Freud spricht von Hilflosigkeit. Es kommt eben darauf an, wem gegenüber man hilflos