Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 114)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/4919024-4919342--0432-4919456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
112 Freud widerlegt nun diese vier Glaubensmöglichkeiten. ad 1. Es ist kein Anlass zu glauben, weil unsere Vorväter geglaubt haben. Unsere Ahnen waren weit unwissender als wir. Sie haben viele Dinge geglaubt, an die wir heute nach dem Fortschritt der Wissen- Schaft durchaus nicht mehr glauben können. ad 2. Die „Heilige Schrift", meint Freud, kann nicht Beweis unseres Glauben sein, weil ihre Glaubwürdigkeit selbst erst von unserem Glauben abhängt. Die Schriften sind wohl da, aber dass es Offenbarungen Gottes sind, das musS man glauben. Und dieser Glaube kann nicht aus den Schriften selbst hervorgehen. Was diese beiden Argumente betrifft, so mus& man Freud in recht weitem Sinn Recht geben. Sie setzen den Glauben voraus; sie können ihn also nicht begründen. Nicht die Heiligen Schriften beweisen den Glauben; sondern der Glaube macht erst die Heiligen Schriften zu einem Beweismaterial. ad 3. Unter dem religiösen Erlebnis versteht man das Erlebnis Gottes, das überzeugende Gefühl der Gegenwart Gottes, das „Du-sagen" zu Gott, wie es Martin Buber formuliert und wie es von den grossen Religiösen aller Zeiten, von Propheten und Mystikern beschrieben worden ist. Das Erlebnis ist so überwältigend, dass es Glauben schafft, dass es jeden Zweifel an der Wahrheit und Heiligkeit des Erlebnisgegenstandes ausschliesst. Freud schreibt dagegen: „Ein solches Erlebnis kann nur jene verpflichten, die es haben; nicht aber den grössten Teil, welche diese grossen religiösen Erlebnisse nicht haben." „Man kann von allen Menschen verlangen" sagt er, „dass sie die Gabe der Vernunft anwenden, die sie besitzen, aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung auf ein Motiv aufbauen, dass nur bei ganz Wenigen existiert." Auch hier kann man Freud nicht ganz Unrecht geben, insofern, als diese Erlebnisse für jene, welche sie nicht haben, nicht endgültig beweisend sind und eben — Glauben voraussetzen. Trotzdem sind sie von höchster Bedeutung und für die freie Tat des Glau-