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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 111

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 111 (sequence 113)
Language
German
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111 hängig ist. Die Gedichte Hölderlins sind nicht schlechter, wenn man weiss, dass ihr Dichter ein Irrer war, die Bilder van Goghs verlieren nichts an ihrem Wert, wenn man weiss, das der Künstler ein Geisteskranker war, und man kann den Soldaten Svejk nicht damit entwerten, dass man nachweist, dass sein Verfasser Hasek ein notorischer Alkoholiker war. Ebenso ist die medizinische Beurteilung der Extasen und Inspirationen grosser religiösen Genies bedeutungslos für den inneren Gehalt ihrer religiösen Erlebnisse und Zeugnisse. Tatsache ist jedoch, dass die moderne naturwissenschaftlich und medizinisch orientierte Laien- Philosophie sehr oft diesen Weg der Entwertung allen möglichen geistigen Werten gegenüber geht. Und nicht anders macht es Freud mit der Religion, wenn er die Ähnlichkeit der religiösen Ideen mit den Wahnideen und mit der Neurose nachweist. Es beweist nichts gegen die Religion, dass sie aus der Hilflosigkeit der Menschen geboren ist. Es kommt eben darauf an, was aus dieser Hilflosigkeit entsteht: ein Wert oder ein Unwert; Platzfurcht oder eine Mahlersymphonie oder die sittliche Lehre unserer Propheten. Werte können nicht nach ihrer Entstehung gewertet werden, sondern nur nach reinen Wert-Kriterien. Und darum erscheint der Versuch der Desillusionierung der Religion durch medizinische Mittel, durch den Nachweis einer psychoanalytisch bekannten mehr oder minder krankhaften Genese ein Versuch mit untauglichem Mitteln. Der zweite Weg zur Desillusionierung der Religion führt Freud über die Untersuchung des Phänomens des Glaubens. Worauf beruht der Glaube? Warum glauben wir? Freud führt vier Gründe an: Wir glauben 1. weil unsere Vorväter geglaubt haben, 2. weil wir gewisse schriftliche Beweise, Berichte, Uberlieferungen, also, die „Heilige Schrift" und die Tradition haben, 3. weil ein eigenartiges religiöses Erlebnis diesen Glauben in uns schafft, 4. weil die Religion im Leben eine nützliche Fiktion ist.

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