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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 110

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 110 (sequence 112)
Language
German
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110 wie bei unsern Träumen, oder wie im Wahnsystem eines Irren. Und so zeigt es sich schliesslich, dass das Entstehen der Religion seine sehr wesentliche Analogie hat mit den der Psychiatrie und Psychoanalyse sehr wohlbekannten neurotischen Hilfskonstruktionen des Menschen, die er bildet, um sich in einer Zwangslage Erleichterungen zu schaffen. Der Weg, den hier Freud betritt, ist ein sehr bekannter; ich möchte ihn die genetische Entwertung nennen; es ist der Versuch einen Wert dadurch zu entwerten, dass man seinen menschlichen oder noch besser seinen pathologischen Ursprung nachweist. Die Methode ist schon sehr alt und im Grunde auch im täglichen Leben gebräuchlich. Der beste Wdg zur Desillusionierung ist ein Blick hinter die Kulissen. Wenn man weiss, wie das Wunder gemacht wird, ist es nicht mehr wunderbar. Indem man die menschliche Art der Entstehung der Religion aufzuzeigen sucht» zieht man sie vom Himmel auf die Erde herab; man entkleidet sie ihres mystischen Schimmers und ihres Heiligenscheines und stellt sie als menschliches Gebilde hin, geboren aus menschlicher Schwäche. Es ist interessant, dass es ein Arzt ist, der hier die Religion genetisch zu entwerten sucht. Denn meist hat diese genetische Entwertung die Form, dass man die Werte als Ausfluss eines Krankheitszustandes zu erkennen sucht. Es ist bekannt, wie viel man sich in letzter Zeit mit der Pathologie der Dichter, Künstler und Philosophen beschäftigt hat, und wie wichtig es für uns geworden ist, festzustellen, an welchen Krankheiten Nietzsche oder Heine oder Goethe gelitten haben. Man kann gegen diese Forschungen nichts einwenden, insolang sie auf dem Gebiete der Medizin oder Literaturgeschichte oder der Psychologie bleiben. Man muss aber energisch gegen sie protestieren,wenn sie sich die Frage der Wertung einbeziehen wollen und zu Methoden der Entwertung werden. Denn, es ist ernstlich wohl kaum notwendig, zu betonen, dass der Wert eines geistigen Produkts von der medizinischen Beurteilung seines Schöpfers durchaus unab-

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