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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 109

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 109 (sequence 111)
Language
German
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109 Das ist eine Illusion. Die Menschen aber sollen sich von Illusionen befreien. Denn die Illusion widerspricht der Wahrheit. Wahnideen, Irrtümer, Illusionen muss man überwinden. Wir müssen uns zur Wirklichkeit erziehen. Das' ist das höchste Ziel menschlicher Erziehung. Auf zwei Wegen geht Freud der Religion zu Leibe. 1. zeigt er ihre menschlich-allzumenschliche Entstehung. 2. zeigt er, dass der Glaube durchaus unbegründet ist und der Vernunft widerspricht. Wir wollen diese beiden Arten der Desillusionierung der Religion näher betrachten. Freud glaubt, dass die Religion aus dem Gefühle der Hilflosigkeit der Natur gegenüber entstehe; Wie hilft sich der Mensch in dieser seiner Hilflosigkeit? 1. Er vermenschlicht die Natur; an die unpersönlichen Kräfte und Schicksale kann man nicht heran; sie bleiben fremd. Ist aber eine Persönlichkeit dahinter, so liegt die Sache gleich anders. Da kann man bitten, beten, beschwören, opfern usw. 2. Diese Situation ist nichts Neues. Es ist die alte Beziehung zum Vater, das mit Angst und Schutzbedürfnis gemischte Gefühl dem Vater gegenüber; so verleiht man Gott Vater-Charakter. 3. Die Absichten dieses Gottes und sein Wirken stattet man so aus, wie man es sich wünscht, um dieses Leben erträglicher zu machen. Wir sehen zwar, dass wir sterben müssen, aber wir glauben, weil wir es wünschen, an die Unsterblichkeit der Seele. Wir sehen zwar, dass das Gute keineswegs immer belohnt wird, aber wir glauben, weil wir es wünschen, daran, dass Gott es schon so fügen wird, dass das Gute belohnt werde. Wir sehen zwar nicht den Sinn der Welt, aber wir glauben, weil wir es wünschen, dass Gott alles weise und allgültig eingerichtet hat. Wie ist also die Religion entstanden? Die Menschen halfen sich in ihrer Hilflosigkeit durch eine Illusion, welche die Welt vermenschlicht, Gott Vater- Charakter verleiht, und ihm Absichten zuschreibt, welche unseren Wünschen entsprechen. Das ist die Entstehung der Religion. Und es geht ähnlich zu,

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