Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 110)
- Language
- German
- Belongs to
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108 LEBEN UND LEHRE. Die Religion und die Psychoanalyse, Von FELIX WELTSCH. Siegmund Freud, einer der grössten jüdischen Gei- . ster des letzten Jahrhunderts, hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben, in welchem er die Religion als blosse Illusion entlarven will. Viel Richtiges steht in diesem Buche, aber auch viel Falsches; vor allem aber Vieles, das für unsere Zeit typisch ist. Was ist eine Illusion? Freud sagt: Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum; sie ist auch nicht notwendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, dass sich Ungeziefer aus Unrat entwickele, an welcher das unwissende Volk noch heute festhält, ist ein Irrtum; es war aber keine Illusion. Dagegen ist es eine Illusion des Kolumbus gewesen, dass er den Seeweg nach Indien entdeckt habe. Also: Charakteristisch für die Illusion ist die Ableitung aus menschlichen Wünschen. In dieser Hinsicht nähert sich die Illusion der psychiatrischen Wahnidee. Sie unterscheidet sich von dieser dadurch, dass sie nicht notwendig im Widerspruch mit der Wirklichkeit stehen muss. Die Illusion ist also ein Glaube an eine bestimmte Tatsache, deren Realität mehr oder minder wahrscheinlich ist, insofern dieser Glaube durch unsern Wunsch herbeigeführt wird, es möchte so sein. Um das Leben leichter ertragen zu können, wünschen wir, es möchte einen Sinn haben, wünschen wir, dass es eine Vorsehung gäbe, dass die Seele unsterblich und der Tod nicht endgültig sei, dass das Gute schliesslich belohnt und das Böse bestraft werde — und weil wir es wünschen, nehmen wir es auch als wahr an, ohne aber hiefür einen bestimmten Grund zu haben.