Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 86 (sequence 88)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4919024-4919342--0406-4919430
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

86 der Vergangenheit...« »In dieser Stunde gedenke ich dessen, dass die Meister des Talmud das Volk Israel unter den Völkern der Erde einem Lamme unter Wölfen verglichen haben und ein grosses Wunder war das, dass das Lamm nicht den Zähnen der Wölfe zur Beute wurde, die in jedem Geschlechte gegen es aufstanden, um es zu vertilgen. Ich sehe dieses Wunder, aber ich verstehe nicht, wie ein ganzes Volk sich zu einem Lamme machen und sich damit begnügen konnte. Ich kann das Gute nicht darin sehen, nur von der Barmherzigkeit zu leben, die wir hervorrufen. Ich kann ein Volk nicht verstehen, das seine Wanderungen und Verfolgungen für den natürlichen Lauf der Welt hält und sich dessen nicht schämt. Es ist leicht, die Verantwortung dafür Gott aufzubürden, der uns aus unserem Lande vertrieben und uns zwischen die Völker verstreut hatte, aber Gott ist daran nicht schuld, wenn wir uns beeilt haben, in die Verbannung zu gehen, und uns das Los erwählt haben, unter den sesshaften Völkern zu wandern und unter ihren Weinstöcken zu wohnen, statt in unserem verwüsteten Lande zu sitzen. Darin sind wir fast einzig unter den Völkern. Nur wir haben das Opfer unserer Existenz für unser Land nicht gebracht und begannen aus unserem Lande zu fliehen, lange noch bevor es uns ausgespien hatte. Wir zogen den Markt der Völker vor, ohne einen Rest von uns im Lande zu lassen. Ich kenne all die geschichtlichen und notwendigen Ursachen unserer Zerstreuung. Aber diese Notwendigkeiten sind keine Notwendigkeiten und mit einem starken nationalen Willen hätten wir sie ändern können, wenn wirklich noch ein Lebensfunke in uns geblieben wäre. Das Volk und sein bester Teil wussten den Wert ihres Bodens und kämpften um ihn bis zum letzten Blutstropfen. In ihnen lebte der Geist des Lebens, de3 Selbstgefühles und der Selbstbehauptung. Aber die Führer des Volkes führten seine natürlichen Neigungen irre an der Hand ihrer verfälschten Geistigkeit. Sie waren schuld daran, dass die grossen Taten des Herodes nicht die Früchte trugen, die sie tragen konnten. Das Volk selbst verstand den Unterschied wohl auch nach der Zerstörung des zweiten Tempels. Es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.