Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4919024-4919342--0405-4919429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
85 freiesten Menschen erzeugen. »Uns ist es leichter^ von uns die alten Ketten zu nehmen und ein neue3 Leben zu beginnen. Vielleicht können wir leichter neue Gedanken, neue Worte und ein neues Leben uns zu eigen machen. Es ist der grosse Traum, den ich trau* nie, das ist mein Ideal, das Ziel meiner Sehnsucht und meines Lebens.... ich träume vom Menschen, vom neuen Menschen, der zurzeit unter den Juden entsteht. Darin besteht ja der Mensch, dass er sich ewig erneuert ____« So liegt Berdyczewski's Anschauungen eine grundlegende Revolution in der Auffassung der jüdischen Geschichte zugrunde. »Wenn die Pharisäer nicht über die Sadduzäer gesiegt hätten und wir nicht die Söhne unserer ersten Väter wären, dann wären wir »sie«, dann wären wir lebendige Menschen und Träger einer lebendigen Kultur und wären nicht gezwungen, um sere Besten hinauszusenden jenseits der Grenze.« (Nemuschoth S. 79), Ihm erscheint es, als ob »wir« Schilfrohr wären, »sie« aber Zedern. So sprach aus Berdyczewski die Sehnsucht der Schwachen nach Stärke, des seiner Hässlichkeit sich Bewussten nach Schönheit. Unsere Vergangenheit »löschte das innere vernünftige Lebenslicht im Juden aus und machte ihn zu einem Gehirnmenschen ohne Herz, sie machte ihn zu einem mechanischen Denker phne innere Lebenskraft.« (Nemuschoth, S. 89). Es!st die Sehnsucht nach Kunst, nach einer ästhetischen Lebensauffassung, nach einer unmittelbaren Naturnähe und unverkümmertem Gefühlsleben, die diese Revolution gegen das Ghetto hervorruft, eine Revolution, der auch die neue hebräische und jiddische Literatur zu verdanken ist. Die Bindung an die Vergangenheit, an das Buch, ertötet das Leben. »Uns erscheint es klar, dass die fromme Fortsetzung unserer Vergangenheit uns an die äusserste Grenze materieller und geistiger Knechtschaft führen wird, aber eine neue Gegenwart wird uns die menschliche Seele wiedergeben und uns zu Menschen und zu einem Volke zugleich machen, das auf seiner eigenen Kraft bauen ttiuss ohne eine Stüze in der Vergangenheit. Sagen wir die volle Wahrheit: unsere Gegenwart krankt an