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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 84

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 84 (sequence 86)
Language
German
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84 sis nicht eine ganz andere geworden ist und eine völ1 lige Umwertung in Allem stattgefunden hat.« »Umwertung aller Werte« — das ist das Losungswort der »Jungen«. Berdyczewski übernahm vieles von Nietzsche, von einem freilich in vielem missverstandenen Nietzsche, von dem Propheten der »blonden Bestie« und des kraftstrotzenden neuen Menschen. Aber von Nietzsche hatte Berdyczewski auch jenes Lebensgefühl, das uns bei ihm gegenüber Achad- Haam so modern anmutet, jenes Empfinden für die Einheit und den Schwung alles Lebens, das er feierte, ohne ihm wirklich jemals nahezukommen, dem Aufstand des Individualismus gegen die Geschichte. Daher hatte er auch mehr Verständnis für die Schnelligkeit der Entwicklung, für die Kraft des revolutionären Impulses, der von dem Herzlischen Zionismus ausging und sich vor allem in der plötzlichen Blüte der hebräischen und der jiddischen Literatur kundgab. Er leugnete das Buch, obwohl er ihm in seinem eigenem Leben treu blieb, aber er bejahte das lebendige Herz, das, ungefesselt von der Vergangenheit, stets neue Wege zu finden wusste. Daher galt seine Liebe dem Dorfjuden und auch dem Chassidismus, in dem er dieses lebendige Herz pochen fühlte. Er durchlebte stärker als Achad-Haam, der gesicherter und wirklichkeitsnahe lebte, die Krise des Judentums und war der Verkünder ihrer Doppelsichtigkeit. »Ich fühle in mir jetzt manchmal etwa den ersten und den letzten Menschen zugleich. Und mit diesem Doppelgesicht bemühe ich mich, die Welt und das Leben zu umfassen.« Er verkörperte den Gehaltswandel des Judentums im neunzehnten Jahrhundert, das Zerbrechen alter Formen und den Kontakt mit ungeahnten Welten, eine Krise, wie sie seit vielen Jahrhunderten nicht mehr den Juden zur Entscheidung über sein Wesen und seinen Weg aufgerufen hatte. »Diese Stunde, in der wir uns befinden, ist nicht wie gestern und vorgestern und vormals, sie hat ihresgleichen in keiner Zeit, seit wir im Exil umherirren.« Vielleicht können — und hier erwacht auch in Berdyczewski der alte messianische Traum des geistigen Judentums — gerade die Juden aus ihrem so stark gefesselten Zustande die

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