Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 85)
- Language
- German
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83 ten mehr sein als die anderen Nationen und verloren dadurch, was das Leben einer Nation bedingt.« »Nicht der Universalismus, der Glaube an den grossen Gott alles Seienden, hat die Juden durch alle Vernichtungsschläge getragen, sondern der Partikularismus, der Glaube an das eigene Volkstum, an den Wiederaufbau der Königstadt Jerusalem. Die Erinnerung an David und seinen Thron hat mehr Licht in die Herzen gespendet, als die an den El Zebaoth«. So erschienen Berdyczewski zweitausendfünfhundert Jahre jüdischer Geschichte als ein grosser Irrtum, als ein Bau, dem die tragende Grundlage natürlichen Lebens und natürlicher Sicherheit gefehlt hatte. Es heisst heute wieder von vorne anfangen, die Schrift von den Tafeln abzuwischen. »Der Zionismus sollte ein Volk, dessen Heimat die Synagoge geworden war, wieder auf seinen Boden zurückbringen.« Dies hätte er nur bewerkstelligen können, wenn er sich von der Synagoge abgewandt hätte, und nicht dadurch, dass er sich mit ihr verband. »Die Grundlage für den Zionismus war, dass er sein neues Wollen mit dem Alten verknüpfte. Der Zionismus hätte Satz für Satz »nein« sagen sollen zu allem, was ihm vorangegangen war. Auch das, was sich im Exil als erhaltend erwiesen hatte, würde auf dem neuen Boden das Gegenteil hervorbringen.« Die Juden sehnen sich, ebenso wie alle anderen Völker, nach einer allumfassenden Kultur, der keine Seite des menschlichen Lebens fremd ist. Berdyczewski will die Einseitigkeit und Enge des Ghettos sprengen. Der Jude seiner Generation in Osteuropa sehnte sich, wie einst Heinrich Heine im Westen, nach dem schönen und freien Leben des Hellenismus, nach einer alle Seiten des natürlichen Lebens umfassenden Kultur, nach Dichtung und Liebe, nach voller Entfaltung der freien Individualität. Aus dieser Sehnsucht wurde in den Menschen dieser Zeit eine Entzweiung hineingetragen. »Wir schielen immer nach der Kultur eines anderen Volkes, weil wir keine eigene profane Kultur besitzen. Diese Entzweiung mit sich selbst wird auch im eigenen Lande statthaben, solange die geistige Ba-