Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 84)
- Language
- German
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82 eines Teiles der Aufklärung weiter, wobei freilich die Aufklärung darauf bedacht gewesen ist, mit der Verwerfung des Ghettos dennoch den zugrundeliegenden geistigen Gehalt zu retten, Berdyczewski aber verwirft auch diesen, vor allem diesen. Die Aufklärung hatte auch für das jüdische Volk wieder zum erstenmal das Evangelium der äusseren Freiheit, Schönheit und Naturfreude gebracht. Daher konnte Berdyczewski mit einem gewissen Recht die Aufklärung als Vorläuferin der »Jungen« in Anspruch nehmen. »Die Aufklärung hatte durch den Hinweis auf die heilige Schrift und deren Studium den Weg gebahnt; für das neue Wollen fehlte das Wort und man musste sich rückwärts wenden, um es zu suchen. Das zweitausendjährige Denken und Fühlen Judas wurde beiseite geschoben, und man flüchtete sich unter die üppigen Schatten Israels. — Das war kein Pseudoklassizismus, kein Epigonentum, sondern das Erwachen eines Gefühles für Farbe und Leben. Die Kunde des Gesetzes war bisher das Ziel des Judentums gewesen; der Einzelne verschwand in der Gesamtheit, und das Ganze war voll Wehmut und Niedergeschlagenheit. Dort aber in Israel geht die Sonne auf, es freut sich der Himmel, es blühen die Felder und Gottes Stimme redet in allem Lebendigen, in jeglichen nach seiner Art. Dorther kam die neue Sprache; das alte Epos lebt wieder auf; man versuchte sich am biblischen Drama, und man machte Lieder aus Freude an den klangvollen Worten.....Das Volk selbst stand all dem fern. Im langen Winter des Exils war vieles in ihm erstarrt; die Wenigen aber, die den Ruf der Völker nach Licht und Freiheit vernommen hatten, waren von demselben Streben erfüllt. Es war die Zeit Goethes und Schillers. Die Umrisse einer neuen Welt wurden sichtbar«. Berdyczewski vollendet den Prozess der Aufklärung durch die völlige Säkularisierung des Judentums. Die Vergeistigung des Judentums, der »Am-Hassefer« erscheint ihm als Unglück. »Die Hebräer haben als ein natürliches Volk begonnen: Die fünf Bücher Mosis sprechen von Schlachten und Eroberungen nicht weniger als von Tugenden und Geboten; die Juden woll-