Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 82)
- Language
- German
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80 und neuer Entdeckungen. Sie verwarfen das Ghetto und die geistige Entwicklung, die zum Ghetto geführt hatte. Wiederum wie einst die Juden vor Samuel, stellten sie die Forderung nach einem König, um so zu sein wie alle anderen Völker. Wiederum konnte ihnen die jüdische Geschichte nur die eine Antwort geben, die Samuel zu geben hatte, nämlich dass damit der Sinn des Judentums, der Auftrag Gottes an das Volk verleugnet werde. Die »Jungen« wollten eine Normalisierung des jüdischen Lebens. Bisher hatten sich die Juden immer allen anderen Völkern gegenübergestellt. »Wir« waren anders als »sie«. Das jüdische Volk war weniger und mehr gewesen als ein Volk, eine Gemeinschaft sui generis mit ihrer eigenen Aufgabe, mit ihrer eigenen besonderen Verantwortung. Daher war ihr Weg durch die Geschichte ein besonderer Weg, verschieden von dem der anderen Völker, von ihrem Machtstreben und ihrem irdischen Glanz. Daher konnte das Judentum verachtet und geringgeschäzt seinen Weg gehen, weil es der Weg des Gottesknechtes war, dessen Ehre im Dienste lag. Nun sollten »wir« »ihnen« gleich werden, ein Volk wie »sie«, das ein normales Leben führt. In dieser Zielsetzung weisen die Bestrebungen der »Jungen« und die des politischen Zionismus in die gleiche Richtung. War die Begründung, die Herzl für die ersehnte Normalisierung des jüdischen Volkes gab, vor allem eine politisch-soziale, so gaben die »Jungen« ihr eine geistig-revolutionäre Begründung. Leitete Herzl sie aus den äusseren Bedingungen dea jüdischen Lebens ab, so fanden sie sie in seiner inneren Entwicklung. Beiden gemeinsam aber war der ästhetische Zug, das Leiden an der mangelnden Form des jüdischen Lebens, an seiner Unregelmässigkeit und Unausgeglichenheit, an dem Fehlen der Schönheit und der kulturellen Freiheit. In dem Kampf der »Jungen« gegen die überkommene »Geistigkeit« spiegelten sich die sozialen Notwendigkeiten einer Generation, die aus dem fromm behüteten Städtchen in die Grosstadt und auf Wanderschaft in die Ferne ging, neue wirtschaftliche Kräfte regten sich, die eine Rationalisierung des gesamten