Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Die Jungen. Von HANS KOHN. Achad Haam's Zionismus folgte aus dem Ablauf der jüdischen Geschichte als eine natürliche Entwicklung. Er setzte die jüdische Geschichte fort und wollte die in ihr angelegten Ideen zu neuer schöpferischer Blüte bringen. Es ging ihm um Erhaltung dessen, was durch Jahrtausende seit der Bundesschliessung am Berge Sinai und seit den Propheten im Bewusstsein der Juden und in den Augen der Menschheit den Inhalt des Judentums und seine Aufgabe gebildet hat. Wohl waren die Juden immer wieder ihrer Bestimmung abtrünnig geworden, aber dieser Abfall war Sünde gewesen und als solche anerkannt. Im neunzehnten Jahrhundert entsteht aus dem verwirrenden Verfall des geistigen und sozialen Lebens im Zusammenbruch des Ghettos eine Lehre, die als erste den Abfall nicht als Sünde anerkannt, sondern als das eigentliche, wahre, natürliche Leben, die eine Revolution verkündet hat, einen Bruch mit der ganzen jüdischen Vergangenheit, der die jüdische Erneuerungsbewegung und der Zionismus nicht eine Fortsetzung und ein Wiedererwachen, sondern eine radikale Abwehr und Verneinung der Vergangenheit ist. Diese neue Lehre war eine Verzweiflung an der Vergangenheit, an der ihrer eigenen Jugend unmittelbar und dadurch an jener, die das geistige Leben dieser Jugend getragen hatte. Ein neues Judentum sollte entstehen, aber dieses neue Judentum hatte mit alledem nichts mehr gemein, Was bisher das Judentum gewesen war. Diese »J u n- S e n«, deren Wortführer Micha Josef Berdyczews k i*) war, waren echte Kinder der Aufklärung: voll von Sehnsucht nach einem völlig neuen freien Leben inmitten der anderen Völker und den anderen Völkern gleich, nach einem Leben der Freude und Schönheit, der Arbeit und Schöpferkraft, des Farbenreichtums *) 1865—1921.