Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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68 liehe Frechheit verrät, das »Entreebillet zur europäischen Kultur« erwerben wollten, d. h. den Zugang zu menschlich kultureller Einheit und Ganzheit suchten,, die ihnen ihr Judentum, das farblose und blasse Judentum der Reform, versagt hat. Herzl freilich such-, te, den veränderten äusseren Verhältnissen und Idealen entsprechend, nicht mehr im Christentum Kulturreinheit, sondern die Einheit des Staates: das Einströmen in seine geöffneten, wenn auch uniformierten Vaterarme. Es bezeichnet den ganzen ungeheueren Fortschritt der jüdischen Entwicklung der. letzten Jahrzehnte, an dem nicht zuletzt auch der Zionismus mit all seinen Irrtümern beteiligt ist, wenn Franz Rosenzweig sich nunmehr dem Christentum nicht als Kulturbillet und nicht als Staatsuniform, sondern als Glauben entgegenstellen durfte und musste, nachdem es als Glauben ihn und den Kreis seiner Freunde bedroht hatte. Aber selbst dies hätte noch zu keiner wirklich' sichtbaren und dauernden geschichtlichen Verkörperung geführt, wenn nicht Herzls Feuerruf auf den' seit Jahrtausenden bereitliegenden und seit Jahrzehnten durch die Bewegung der »Zionsliebe« wieder ins Glimmen gebrachten Zunder der ostjüdischen Palästinasehnsucht gefallen wäre- Dies machte den ersten Zionistenkongress zu einem unverlierbaren Ereignis: Ost und West, seit mindestens 150 Jahren in allem getrennt, erlebten plötzlich die hinübergerettete Einheit ihres Volkstums an dem alt-neuen einen Ziel: Zion. So traf die Idee des Einzelnen auf die materiellromantische Sehnsucht der Massen, und sie vereinigten sich zu einer modernen Organisation. Deren Wege und Glieder hier nachzuzeichnen, würde viel zu weit führen; es muss die Feststellung genügen, dass sia gerade infolge ihrer Vielparteilichkeit, die im »Misrachi« ebensowohl orthodoxe Jude wie in den »Poale Zion« radikal sozialistische und zwischen ihnen beinahe alle Spielarten enthält, einen Mikrokosmos des gesamten Volkes darstellt. Auch die Fortschritte der Kolonisation, die zuerst freilich hinter der politi-j