Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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67 Volkes — als »Privatsache« erklärt wurde, und dies war es vor allem, was so tiefe jüdische Geister, wie den deutschen Liberalen Hermann Cohen einerseits und den russischen Chowew Zion (Zionsfreund), und hebräischen Kulturphilosophen Achad Haam andererseits vom politischen Zionismus entfernt hielt. Nicht in diesem Inhalt also kann die jüdische Legitimität des Herzischen Zionismus gefunden werden; er ist im Gegenteil ein höchst verdächtiges und sogar gefährliches Element, das dem nationalen Minderwertigkeitskomplex eine vorschnelle Befriedigung an einem schlecht europäischen Wunschbilde anbietet und den Juden genau alles das verheisst, was ihnen die unvollkommen durchgeführte europäische Gleichberechtigung bisher vorenthalten hat. Worin also lag die historische Kraft und Wirkung Herzls, soweit wir sie positiv bewerten dürfen? In dem Schwünge der Rückkehr, im Pathos der Distanz, das diesen Entfremdeten zum plötzlich aufgestrahlten Abgott des jüdischen Volkes machte. Nichts ist bezeichnender für diese Führerfunktion als jener sonderbare Plan, den Herzl noch in Wien seinen Chefs Bacher und Benedikt zur Lösung der Judenfrage anempfahl: man solle die gesamte junge Generation taufen lassen, um so das Judenproblem ein für allemal zu lösen. Die Eltern zwar sollten Juden bleiben um nicht den Schein der Charakterlosigkeit zu erwecken. Die Redakteure der »Neuen Freien Presse«, in der später, als ihr Pariser Korrespondent und Feuilletonleiter der Führer des Zionismus geworden war, diese Bewegung niemals erwähnt werden durfte, lehnten den Plan naturgemäss ab. Sie waren Assimilanten, aber keine Renegaten. Herzl hätte, zumindestens für seine Kinder, ein Renegat werden können, wenn er nicht — der Begründer des modernen Zionismus geworden wäre. So entsetzlich, so tragikomisch dicht führte die Dialektik unserer Geschichte die beiden entgegengesetzten Pole aneinander. Noch einmal wiederholte sich zusammengedrängt im Ablauf eines kurzen Menschenlebens das Schicksal der Generation Heines und Börnes: jener grossen Juden und Freiheitskämpfer, die im Christentum, wie Heines ehr-