Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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66 tur und zur körperlichen Arbeit, ihrer — nicht ungefährlichen — Losung von der »Religion der Arbeit«. Und noch in einem dritten Sinne steht Moses Hess an der Pforte des modernen Zionismus: durch die unbewusste Coincidenz westlicher und östlicher Zionsliebe, die unabhängig von einander auftauchten und freilich auch vorläufig noch nicht zueinander fanden. Dies sollte erst im Zeitalter Herzls geschehen. Als der weltbekannte Journalist und Vertreter der Wiener »Neuen Fr. Presse« in Paris beim Dreyfussprozess das umwühlende jüdische Erlebnis hatte, da war es im Grunde mehr1 das negative Erlebnis des Antisemitismus, als das positive des Judentums. Das will sagen: der Herzische Zionismus antwortete zunächst, genau wie die ihm im Westjudentum des neunzehnten Jahrhunderts vorangegangenen Bewegungen der Reform und der Neu-Orthodoxie, auf die Frage der Emanzipation, auf die der äusseren jüdischen Gleichberechtigung, nicht aber auf die Frage des Judentums und seiner inneren Auseinandersetzungen mit den geistigen und geschichtlichen Mächten der Zeit, zu denen als beherrschende allerdings auch der Staat gehörte. In diesem Sinne ist Herzl der historische Vollender des Odessaer Arztes L. Pinsker, von dessen »Autoemanzipation« er nichts wusste, der er aber in seinem »Judenstaat« gleichsam ein heimliches Echo gab: beide Bücher verhalten sich in der Tat zu einander wie Aufruf und Antwort. Diese Herkunft aus dem Negativen, vor der, wie wir am Beispiel Pinskers soeben sahen, selbst das freilich sehr verwestlichte Ostjudentum Odessas nicht schützte, musste sich im Wunschbilde der neuen Bewegung ausdrücken, die an die Stelle der isolierten Individual-Assimilation des Liberalismus und der Neu- ' Orthodoxie, die untereinander sich in diesem Betracht nur gradweise unterschieden, eine Gesamtassimilation setzte, gleichsam in der Erfüllung der alten Ketzerthese: »Wir wollen sein wie alle Völker, Haus Israel!« Dem entsprach es, wenn auf dem ersten Kongress »Religion« — also das Lebenszentrum des jüdischen