Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 67)
- Language
- German
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65 grosse Rolle, ob die Neubesiedlung auch die Erneuerung des Opferdienstes notwendig mache. Etwa gleichzeitig lebte in Westdeutschland und in Frankreich ein Mann, den ganz ähnliche Ideen bewegten und der, wenn er auch der Opferfrage kein sonderliches Interesse entgegenbracht haben dürfte, trotzdem nicht nur ein Sozialist und Mitkämpfer Karl Marxens war, sondern auch ein jüdischer Theologe: Moses Hess, der Verfasser von »Rom und Jerusalem«. In den beiden Titelworten dieses zionistischen Programmbuches versinnbildlichen sich für seinen Erdenker zwei weltgeschichtliche metaphysische Tendenzen, von denen die des Judentums nur durch die reale Rückkehr nach Zion verwirklicht werden kann. Aber noch in einem anderen Sinne ist Hess bedeutungsvoll, obwohl sein Ruf zunächst als ein Ruf in der Wüste verhallte und erst nach Generationen wieder vernommen wurde. Aber allein die Existenz dieses Mannes, an dessen Bahre ein französischer Parteifreund sagen durfte: »Er ist in der Klasse der Ausgebeuteten herabgestiegen«, diese seine revolutionäre, wahrhaft sozialistische Existenz verbunden mit so bewusstem Judentum und so denkerischer Zionsliebe stellt ihn vermittelnd zwischen zwei grosse jüdische Typen, die man nennen könnte: den Chaluz des neunzehnten Jahrhunderts und den des zwanzigsten. Beiden gemeinsam ist jenes freiwillige »Herab* steigen«, das im Grunde ein Aufstieg ist, nur dass er sich bei den meisten jüdischen Sozialisten, eben mit Ausnahme von Moses Hess und später von Gustav Landauer, als Abkehr vom Judentum als dem empirischen Prototyp einer bürgerlichen Gesellschaft vollzog, als den Karl Marx es gegeisselt hat, und dass im zwanzigsten Jahrhundert das soziale Pioniertum, der Wille in dem friedlichen Kulturkrieg der Menschheit auch die sterbenden Soldaten und nicht nur die befehlenden Offiziere zu stellen, gerade den Rückweg zum Volke bahnte. Es läuft eine direkte, wenn auch unsichtbare Luftlinie von Moses Hess, dem jüdisch-sozialistischen Theologen, zu A. D. Gordon, dem Philosophen der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas und ihrer Kwuzoth, ihrer Rückkehr zur Na- 5