Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 60)
- Language
- German
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58 mitischen und dem babylonischem gemeinsame Mischna behandelt Opfer- und Reinheitsgesetze ebenso ausführlich, wie z.B. die Bestimmungen über den Feldbau; sie stammt ja auch in vielen ihrer Traditionen noch aus vorexilischer Zeit. Der jerusalemitische Talmud, der um etwa 300 n. Chr. vollendet wird, folgt ihr darin und kommentiert auch die Ordnung »Saaten«., deren Traktate meist ausschliesslich Palästina angehen. Anders verfährt jedoch der um 500 n. Chr. anschliessend redigierte babylonische Talmud, der zwar die gleichfalls in der Diaspora und vor Wiederaufrichtung des Tempels völlig unpraktischen Opfer- und levitischen Reinheitsgesetze auf das ausführlichste kommentiert, die Ordnung »Saaten« aber, von ihrem ersten Traktat über die »Segenssprüche« abgesehen, aus seinem Bereich herauslässt. Dieses hochwichtige Symptom zeigt, dass die Beziehung zum realen Lande Palästina allmählich schwächer wurde und sich vor allem in der kultischen Sphäre erhielt. Für diese Abschwäch ung gibt es noch andere Merkmale. Einmal die freilich z. T. auf römischen Druck zurückzuführende Aufhebung der »Smicha«, der Autorisation eines obersten rabbinischen Führers der gesamten Judenheit mit dem Sitze in Jerusalem. Weiterhin gehören in diesen Zusammenhang die nicht immer freundlichen Urteile über Palästina, die sich im babylonischen Talmud finden und die gelegentliche Kritik an den Babyloniern im jerusalemi tischen. So heisst es z. B. im vierten Teile des Traktates »Kidduschim« des Babli: »Erez Israel liegt höher als alle anderen Länder, aber Babylon liegt höher als Erez Israel. Erez Israel ist reiner Teig in bezug auf alle anderen Länder (d. h. zeichnet sich durch Reinheit des Familienlebens aus), aber Babel ist reiner Teig in bezug auf Erez Israel.« Diese Entwicklung, die das geistige Schwergewicht immer mehr nach Babylonien verschob, führte später, nach Abschluss des babylonischen Talmuds, sogar dahin, dass die Geonim die Frage erhoben, das Gebet für Tau und Regen von den für Palästina passenden Monaten auf die dem babylonischen Klima angepassten zu verlegen, sodass sich Abraham Geiger bei sei-