Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 59)
- Language
- German
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57 der politischer Machtentfaltung und kultureller Hellenisierung durch die zwangsläufig notwendig gewordene Annäherung an die aristokratisch-oligarchische Assimilationspartei der Sadduzäer gleichfalls unterlagen. Die Aufgabe der Propheten aus der Zeit des ersten Tempels, die wir vorhin gleichsam als Sendboten des Galuth bezeichnet haben, wird nun von den Pharisäern übernommen, die Israels Existenz im Lande durch die Einschiebung eines minutiösen Systems religiöser Pflichten gleichsam unterhöhlen, da der das Volk tragende Rahmen immer weniger das reale Land und immer mehr das theokratische Gesetz wird. Diese selbe Unterhöhlung aber, verbunden z. T. mit politischer Passivität, bereitet die Zerstörung von Land und Tempel ebenso vor wie die Möglichkeit, diese Zerstörung zu, überleben. Auch in den Tendenzen des Urchristentums können wir, soweit es noch jüdisch ist, eine Botschaft des Galuth erblicken, die hier freilich ganz positiv: als Ruf zur Weltreligion, auftritt. Nach der zweiten Zerstörung, im Jahre 70 n. Chr., hatte das Judentum zunächst noch zwei geistige Mittelpunkte: den einen in Jerusalem, Jawne, Tiberias usw., den anderen in den babylonischen Pflanzstätten des Talmudstudiums, von denen Sura und Pumpeditha hervorragten. Jüdische Geschichte wird nun ganz überwiegend Literaturgeschichte; die diesem geistigen Geschehen zugrundeliegende Haltung lässt sich ■wohl am besten als dauernde Mobilisierung und Präsenthältung des gesamten Gesetzapparates für den Fall der plötzlichen Erlösung und Wiederaufrichtung des Tempels kennzeichnen. Man hielt sein Wissen um alle einschlägigen Vorschriften in Bereitschaft, um es im täglich ersehnten und erbeteten Bedarfsfalle sofort anwenden zu können. Wiederum zeigt sich also die gleiche starke Hinwendung auf das Land seitens der exilischen Pharisäer, wie wir sie vorhin für die Exilpropheten festgestellt haben. Allmählich allerdings, mit dem immer längeren Ausbleiben des Erlösers, änderte sich etwas in der Aktualität des auf Palästina bezüglichen Lern- und Gesetzesstoffes. Die beiden Talmuden, dem .ierusale-