Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 58)
- Language
- German
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56 der Stadt zu beginnen. Dem entspricht genau die Haltung der übrigen nachexilischen Prophetie: statt der Drohungen und Voraussagen des Unterganges finden wir nun die Aufforderung zur Rückkehr und zum Wiederaufbau. Gerade dieses verschiedene Auftreten in verschiedenen Situationen erweist aber die geistige Einheit der prophetischen Institution: diese Gottesmänner erfassten das Judentum als leibseelische, als landgeistige Einheit und wachten stets über das Recht des jeweils im Hintergrunde stehenden Anteils: also über den reinen Geist, wenn Israel in seinem Lande sass, über das wirkliche Land, wenn es verloren schien. Daher rührt jene eigentümliche Vertauschung, die in der prophetischen Predigt als die »Zeiten des Geistes« gerade die palästinensischen, als die »Zeiten des Landes« gerade die exilischen Epochen erscheinen lässt. Das erste Exil ist kurz. Schon nach 70 Jahren gibt der Perserkönig Cyrus die Erlaubnis zur Rückkehr, von der allerdings nur gewisse Teile der in Babylonien ansässigen Judenheit, und auch diese nicht gleichzeitig, sondern in vier, sich in längeren Abständen folgenden Zügen Gebrauch machen. Es dauerte beinahe weitere 100 Jahre, bis schliesslich Stadt und Tempel aufs neue erstanden und nun auch das religiöse Gesetz, das die Diaspora, infolge der fehlenden Bindung durch das Land, allein hatte zusammenhalten müssen, in seiner schärfsten Ausprägung durch Esra, den zweiten Moses, in Palästina selbst zur Anwendung kam. Auch das verhinderte freilich nicht, dass sich allmählich die heidnischen Kräfte des Bodens genau wie zur Zeit des ersten Tempels wiederum erhoben und gegen den jüdischen Geist ihren Kampf begannen. In der Form der fremden Völkerschaften, die mit den Juden Mischehen eingegangen waren, konnten sie verhältnismässig leicht, noch unter Esra und Nehemia, zurückgedrängt werden, aber bald bemächtigten sie sich in weniger kenntlicher Weise der jüdischen Institutionen selbst: zunächst des Priestertuma und später auch des Königtums, dessen makkabäische Begründer sich zwar ursprünglich selbst gegen diesen Fremdgeist gewehrt hatten, ihm aber bei zunehmen-