Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 57)
- Language
- German
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55 der Thora, die sie erst recht zum Volke macht und ihren Bund mit Gott besiegelt. Auch dann noch entzieht sich ihnen das Land während weiterer vierzig Jahre der Wüsten Wanderung, und Moses, der Befreier und Gesetzgeber, Prophet und Patriarch in einem, hat es nie betreten. Dieser grösste Führer des Judentums aller Zeiten war ein Führer des Galuth, allerdings eines auf Erez Israel gerichteten Galuths. Sein Schüler Josua erobert das Land. Aber schon steigen aus seinem Boden gefährliche Kräfte auf, die an dem reinen Gottesglauben des wandernden Volkes saugen und ihn in die unselige Verstrickung heidnischer Vielgötterei und kanaanitischen Naturkultus herabzuzerren suchen. Schon scheint es, als ob die politischen und militäi-ischen Sieger, wie so oft in der Weltgeschichte, die religiös und kulturell Unterlegenen sein werden; schon erfüllen sich Kult und Gottesvorstellung mit fremdem Geiste, als in der Prophetie die echten Erben der mosaischen Thora auftreten und um die Reinheit des Glaubens kämpfen. Man darf in gewissem Sinne sagen, dass die Propheten die Sendboten des Galuth gegenüber der Umklammerung durch die allzu irdischen Mächte des Landes waren. Ihre Unglücksverheissungen über die baldige Zerstörung des Heiligtums und die kommende Wegführung des ganzen Volkes haben gewiss einerseits politischen Charakter und sollen vor gefährlichen Verstrickungen in die Weltpolitik warnen, bedeuten aber andererseits theologisch, dass ein Gott ungehorsames Volk das Land nicht verdient und seinen fälschenden Kräften entzogen werden muss. Die ganze Doppeltheit und Paradoxie des Problems wird aber erst deutlich, wenn wir die Haltung der Prophetie vor dem Fall Jerusalems mit derjenigen nach der Katastrophe vergleichen. Derselbe Jeremia, der jeden Widerstand gegen Nebukadnezar für sinnlos erklärte und durch seine wahrhaft defaitistischen Reden und Gleichnistaten die Kraft des Volkes zweifellos geradezu gelähmt hat, ist auch der erste, der nach der Einnahme der Stadt und des Tempels den Rat gibt, unter Gedalja, dem von Babylonierkönig eingesetzten Statthalter, sofort eine neue Siedlung auf den Trümmern