Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1926-01-01 · 5686 (1925-1926) · p. Seite 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5686 (1925-1926)
Date
1926-01-01
Page
Seite 228 (sequence 230)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4919024-4919026--0233-4919257
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

auf die Dreieinigkeit Volk, Land und Sprache aufzubauen, da begab sich etwas sehr Merkwürdiges: die meisten hebräischen Schriftsteller und Dichter waren gegen eine Umgestaltung des Hebräischen zur Volkssprache. Sic gaben vor, an der Ausführbarkeit dieses Planes zu zweifeln. Sicher sagten sie dies ehrlich und meinten es auch so, aber der unbewußte Grund hierfür war ein ganz anderer. Ihre Ablehnung des Hebräischen als Volkssprache entsprang einem nicht klar bewußten und nicht deutlich gefühlten Unbehagen, ihre schöne Literatursprache nunmehr mit dem Volke teilen zu müssen. Schriftsteller und Dichter haben von jeher die Neigung, die Sprache der Literatur weit weg von der Sprache des Volkes zu entwickeln. Auch in Deutschland, Frankreich und andersw0 hat es Perioden gegeben, wo Literatursprache und Volkssprache zwei verschi dene Sprachen waren. Dazumal hat es in der Literatur nie geregnet, immer nur strömte der Regen, da hat es nie geschneit, sondern die Schneeflocken fielen hernieder und deckten die Erde mit einem Leichentuch. Am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts hatte kein Dichter den Mut, seiner Geliebten in die Augen zu schauen, er sah immer in ihre Sterne, und wenn es ein blitzendes Augenpaar war, in die leuchtenden Sterne sogar. Tränen aber, die die Geliebte geweint, waren Perlen oder zum mindesten Zähren. Und verdächtigt wurde sie niemals, sondern beargwöhnt. So wurde jeder 9e' wöhnliche Ausdruck vermieden, der an die Volkssprache hätte erinnern können. Die hebräischen Schriftsteller hatten das Glück, eine Sprache zu besitzen, die stets in fe8'' tägigem Gewände einherging. Sie sträubten sich dagegen» ihr Festtagskind in den Alltag hineinzerren zu lassen- Aber das Leben in Palästina war stark genug, auch $e alte Sprache neu zu beleben. Die hebräische Sprache 's heute lebendig: sie ist eine Muttensprache. 210

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.