Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5686 (1925-1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 199)
- Language
- German
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diesem Anlaß erwähnen möchte, nichts Ursprüngliches. Die ältesten Melodien der Synagoge sind, wie die ^salmmelodien zeigen, einfach, syllabisch (wie etwa die syrischen' Melodien des gregorianischen Gesangs); erst in der hellenistischen Zeit entwickelt sich eine maßvolle und kunstreiche Koloratur- und Melismenkunst, gewiß auch unter orientalischem Einfluß, aber die Verschnörkelungstechnik der Chazzanim, das Ziehen und Dehnen der Töne, die gleitende, oft näselnde Tongebung des liturgischen Gesangs, alle diese für den orientalischen Gesang charakteristischen Techniken haben sich zum Teil in Spanien unter dem Einfluß des arabischen Gesangs, zum Teil in Rußland und am Balkan unter dem Einfluß des byzantinischen Kirchengesangs, der aus dem Orient stammt, historisch entwickelt. Eine zweite wichtige Aufgabe der jüdischen Musikforschung ist das Studium der jüdischen Volksmusik und vor allem die Herstellung einer wissenschaftlichen Sammjung jüdisdier Volksmusik. Erst die Vergleichung des Jüdischen Volksgesangs mit dem Volksgesang der Völker, unter denen Juden leben, wird feststellen, was von den Jüdischen Volksliedern überhaupt als jüdisches Stammgut *u gelten hat. Die Volkslieder der Juden im Orient sind, ^ie schon jetzt einwandfrei feststeht, größtenteils dem ^olksgesang der Nationen, unter denen die Juden leben, entnommen. Was im europäisdien jüdischen Volkslied sPanisch, mittelalterlich-deutsch, ukrainisch, türkisch, slav'8ch ist, muß erst untersucht werden. Solange diese Aufgabe nicht wissenschaftlich gelöst ist, hat der Streit über jüdische Volksmusik gar keinen Sinn. Gewiß haben die Juden die Volksmelodien ihrer Umgebung zum Ausdruck ihres Fühlens, ihres Schmerzes, ihrer Freude ge- ^adit. Aber erst der Vergleich der jüdisdien Gesänge rnil den Stammgesängen kann psychologische, historisch Ur,d musikalisdi wertvolle Ergebnisse liefern. 183