Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5686 (1925-1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 57)
- Language
- German
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ANITTA MÜLLER-COHEN. Jüdische Gesellschaft. Der soziologische Begriff der jüdischen Gesellschaft ist so, wie er sich in den letzten Jahrzehnten entwickelte, ebenso interessant wie wenig untersucht. Es kann nicht mehr Aufgabe einer kulturgeschichtlichen Betrachtung der jüdischen Gesellschaft sein, das Leben der Salons und jenes literarisch-philosophisch-schöngeistigen Konglomerats, welches am Ende des vergangenen Jahrhunderts verklungen ist, zu schildern. Der Weg der Entwicklung der jüdischen Gesellschaft ging parallel mit jener Entwicklung, welche die Auffassung der Individualität im 18. und im 19. Jahrhundert durchgemacht hat. Im 18. Jahrhundert nannte sich der Individualismus Demokratie, im 19. hieß er immer mehr Wertschätzung des Einzelmenschen. Früher hieß es, den unierdrückten Schichten der Gesellschaft müsse Gleichberechtigung erkämpft werden, nunmehr sagt man: Gleichberechtigung sei dasselbe wie Unterdrückung. Nicht ein Stand, nicht eine Klasse soll frei sein, sondern das Individuum selbst. Dieselbe Entwicklung hatte die jüdische Gesellschaft mitgemacht. In der ersten Zeit nach der Emanzipation wollte sie reine Menschlichkeit verkünden, wollte sich auflösen ln den Bestrebungen der Zeit, kämpfte für das Recht des Bürgerstandes, für die Demokratie, und ging langsam über in jenes Stadium, welches wir zu beschreiben heute unternehmen wollen. Es handeil sich naturgemäß hiebei stels nur um die jüdische Gesellschaft innerhalb des ^estjudentums. Es ist nicht zu leugnen, daß das Westjudentum — obwohl eine kleine Minderheit — auf die sozialpolitische und kulturhistorische Entwicklung der Juden von bestimmendem Einfluß war. Man möge noch So restlos zugeben, daß die Lebenssäfte des Judentums 53