Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5686 (1925-1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 56)
- Language
- German
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aus freien Stücken ein arbeitsreiches, primitives, Gefahren ausgesetztes Leben für sich erwählt haben, sondern weil dem Juden, der aus der individualistischen Zeit kommt — mag er sich es vielleicht auch nicht eingestehen — begabte junge Leute Bewunderung und Hochachtung abnötigen, die ihre Lebenschancen freiwillig sabotieren und zum Heile der Gesamtheit nicht nur große Ansterngungen, sondern auch bewußt die sichere Aussicht auf sich nehmen, Erfolge im Sinne des Ausweitungsgedankens — Macht, Reichtum, gesellschaftliche Wertung, ja selbst persönlichen Einfluß — zeitlebens und unwiderruflich zu verscherzen, Chancen, die selbst dem gehetzten und verfolgten abendländischen Juden ein jäher Schicksalswechsel immerhin noch bringen kann. Hier stehen wir vor dem tiefen Gegensatz der beiden Wege des jüdischen Volkes: Lassen wir alle Phrasen, alle ehrliche oder geheuchelte Entrüstung und Begeisterung, alle tendenziösen Fiktionen und Konventionen beiseite, so bleibt als Rest: die Assimilation ist der individualistische Weg, der das Individuum, unter größtmöglicher Beseitigung aller Schranken, in allen seinen Kräften und Fähigkeiten der Gesamtheit durch Ausweitung der Persönlichkeit dienlich machen will; der Nationalismus soll — er ist es noch nicht — der universalistische Weg werden, der eine national geschlossene jüdische Gesamtheit unter wohltätiger moralischer Bindung des Einzelnen, selbst unter Abstoßung der diesem Streben widerstreitenden Aspirationen in das Gefüge der Umwelt harmonisch einordnet, der also zum Heile der Allgemeinheit das Individuum wieder in eine gewisse moralische Abhängigkeit bringen und seine Rückführung in einen gesunden, gefestigten, wenn auch verengten Interessenkreis durchführen will. 52