Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5686 (1925-1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
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Diese Kriegsgefangenschaft hat zwar etwas länger als sonst gedauert, seit Titus haben sich die Herren dieser Kriegsgefangenen und auch die Welt selbst so ziemlich verändert, aber was macht dies aus bei unserem altersgrauen, ewig sich verjüngenden Volke, kaum 20 Jahrhunderte? Sind schon beinahe vergessen! Wir knüpfen den Faden unmittelbar dort an, wo ihn das Schwert von Titus und Hadrian durchschnitten hat, und bauen weiter, bauen wieder auf, als ob nichts geschehen wäre. Weil wir in der Galuth eigentlich nicht in der äußeren Welt und nicht mit ihr lebten, sondern auf dem Boden der Schrift — Heine nennt die Thora unser „portatives Vaterland" — erscheint jetzt unserem Volke die Galuthzeit nicht so schreckich lang und die Anknüpfung auf Grund der „historical conneclion" — um mit den Worten des Mandats zu reden — an das einstige Leben in Palästina eigentlich natürlich und selbstverständlich. In den jüdischen Massen beginnt also die Auswanderer-Psychologie zu wirken. „Europamüde" sind wir und .mit dieser Stimmung verbündet sich die Sehnsucht — eine wiedererwachte, atavistische Sehnsucht — nach der südlichen Sonne, nach der Schönheit, nach der Freiheit Palästinas. Europamüdigkeit. Aber, wenn nicht alle Merkmale trügen, werden wir auch die Anfänge einer „Amerikamüdigkeit" sehen. „Reemigranten" aus Amerika nach Erez Israel, nicht weil sie wirtschaftlich dazu gezwungen sind. Sie wollen nur endlich einmal das Gefühl haben, wirklich zu „Hause" zu sein. Die Millionenmasse der Juden ist in Bewegung geraten. Vorläufig ist die Massen-Auswanderung potenziell, psychisch gegeben. Der Rest ist nur eine Frage der Zeit . . . 28