Jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 18 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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V JÜDISCHES , GEMEINDEBLATT MITTEILUNGSBLATT DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE , AMTLICHES ORGAN OER GEMEINDEVERWALTUNG Das Jüdische Cemeindeblatt wird den Mitgliedern der Israelitischen Gemeinde Bremen unentgeltlich zugestellt '•adidrucfc nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung dei Verfeuert geitettet Verlansort Massel BREMEN Verantwortlich für den lokalen Teil: M. M.trkreidi Nr. 18 Bremen, den 1. Oktober 1930 2. Jahrgang Kol-Ni-re. 'i'im Tr. Hugo H <1 h II, Cffeii. '.Wiiii fiimt kiim» ein Webet nennen, das innerhalb wie außer halb des Indentums so bekannt geworden ist wie das Mol Nidre, mit dem der Woltesdienst am Borabcnd des I o »t M i p p n r rin geleitet wird. 'hMr wollen »ns nicht täuschen: das Ansehen, das dieses CV^bct in der gan;en Indenheit flctiivfjt, ist nicht in erster Linie ans seinen Michail znriirkznsiihren. Es gibt viele Inden, denen der Linn dieser hebräischen Worte kaum noch gegenwärtig ist und die doch;» Träne» gerührt sind, wenn diese alte 'Mise aiigcstimmt wird. Es ist das in der jüdiiche» Liturgie seltene Phänomen zu ver zeichnen, das; eine Melodie sich die Herzen aller Inden erobert hat. Es steht noch nicht einmal einwandsrei scst, wann und wo die end gültige musikalische Iiziernng dieses Webetstückes slatlgcsnnden hat. Tachknndige Bciirteilcr neigen der Aussassung zu, daß. die lNbnrtsslälle dieser ernsten und getragene» .klänge der Osten Europas sein müsse. Ohne diese an sich nicht ganz »niiitcressante I-rage entscheiden zu wollen, »»iß fcstgestellt werden, daß die -Lol Nidre Melodie ohne Z,weise! deshalb so bekannt und beliebt ge worden ist, weil durch sie nicht mir die Wucht und Innigkeit der ernste» Wedanken dieses (äebetes am besten zum Ausdruck kommt, sondern weil in ihr gleichzeitig die ganze schwere und doch so er hobene Tlimmnug des Jom Kippur in wunderbarer Weise eilige sangen ist. Es i|t hier die ersrcnliche Ieststellmiß zu machen, daß sich, alle» gegenteiligen Meinnngen zum Trob, das jüdische Herz seine Empfänglichkeit für das Irrationale in der Welt, das ja in der Sprache der Musik am ehesten übermittelt werden kann, zu wahren wußte. Oie Tatsache, daß das Lol Nidre auch öfters im Konzcrtsaal gespiell wird, hat es mit sich gebracht, daß auch die nichtiüdische Well von dieser Mnsik Einige Notiz genommen hat. Doch ist außerhalb des Iudeiilums das Eingangsgebet zui» Jom Kippur mehr b e r ü ch t i g l als berühmt geworden. Berüchtigt, wcii die Worte dieses Webet« den Judenfeinden eine stets willkommene. Iundslelle waren, um die häßlichste» und gcincinstcn Berdächti» glmge» gegen die Ethik des Judentums zu ruchten. Es kan» nicht geleugnet werde», daß der Inhalt dieses so wichligen Webet» auf den ersten Blick recht befremdlich wirken kan». Erbilten wir doch darin von Wott die Nichtigerklärnng all der Welöbnisse und läelübde. die.wir von diesenk bis zum kominende» Jom Kippur aussprechen werden. Haben da die Kritiker des Judentums nicht recht, wenn sie von der Höhenlage niisercr Mo ral nicht überzeugt sind, wenn sie die Ernsthciftigkeit des von einem Jude» gegebenen Wortes in Zweifel ziehen'? Oeffnet diese Kol» Nidre Iorutel nichl der Unwahrhaftigkcit und Betrügerei Tür und Tor? Man kann darüber erst urteilen, wen» man die Wcsamteinjlellnug unserer Religion zu dem Eid und dem Wclübde kennt. Tie Thora läßt den Eid vor Wericht oder beim Abschluß von Ber lrägen zu. Es soll hierdurch dem gesprochenen Wort der höchste Wviib der Wahrhaftigkeit verliehe» werde». Ta beim Tchwur der -Name Wolle» zur Bekräftigung der eigene» Aussage ang§- -rusen wird, so wird der falsche Eid von der Bibel als eine der schwersten Tünden betrachtet, die es überhaupt gibt. Unter de» vielen Perwarnungen gegen de» Meineid ist am bckaiintestcu geworden die Androhung hm brüten Webot, das ausdrücklich betont, daß Wett d e n nicht »'»gestraft lasse» wird, der seine» Nameil znm falschen ansjprichi. Ter Talmud geht noch einen Jcheitt weiter. Er deutet da» Wort l.laschaw" im dritte» Webot im Linne von n i ch l i g , nun ü h und verbietet dementsprechend auch den iiberflüsssgen Eid. „'hkr aus nichtigem Anlaß schwört, der treibt Wöheichieusl." Temeutsprecheiid sucht auch die lalmiidische Prozeßordnung de» Tlreil nach Möglichkeit ohne Ausbürdung des Eides beiznleqen. Tiefe Wepflogenheit, die ans der Achlung vor-' der Heiligkeil des Eides resultiert, ist so sehr in das Allgemeiribe wußtsei» des Indentnms eingegangcn, daß fromme Juden heule noch lieber einen Rechtsstreit schiedsgerichtlich austrage» lasse» als von dem vsfenilichen läerichl. Wenn darum die Beig predigt ihre Abneigung vor dem Eid i» die Worte kleide:: ..IIu habt gehört, daß z» den Allen gesagt wurde, dn sollst keine» sal scheu Ech tun und svllsl deinen Eid halten, ich aber sage Euch, daß Ihr aller Tinge nicht schworen sollt", so besiatigl hiei da-- v Nene Tesla ment zunächst nur, wie genau das Judentum den Tchwur genommen hat. Wenn aber die Eimahnnng des Evange linms mit de» Worte» schließt: „Eine Rede aber sei Ja. ja. Nein, nein", so befindet es sich mit dieser Anweisung, wie de, Eid am besten zu vermeiden sei, durchaus in llebereinsummang mit dem Talmud, der das einsache Ja. ja, Wein. nein, bereits ab die beste Bekräsiigung des gesprochene» Wortes anjieht Und da-- Indentnm, das solche Ehtlurchi vor dem Tclnvui liat, sollte siit, int Mul Nidre »löblich »ber die -Heiligkeit des Eide-.- leichtfertig hinwegseben? Es ifl nichl gut zu vetsiehen. Blit dem Eid verwandt ist das läelnbde, dntil, das man besondere Berpflichtungen religiöser Natur auf sich nehme» tan» Bekannt ist das Weliibde vHannas, ihre» Tohu dem Heiliglum zu weihen, oder das Weliibde Iephlas, das Erste, das ihm an dern -Hanse nach der gewonnenen Tchlachi enlgegenkäme, als Opse, dar.znbringen. Bibel und Talmud sind keine großen I-rennde sol cher im Affekt gegebene» Bersprechnngen. Tie sind zwar der Met tiitng, daß man auch solche nun einmal ansgespiochene» Weliib nisse heilig zu hallen habe. Tie Lehre des Undeninnts hat aber auch die Möglichkeit vorgesehen, daß der Weloben&e sein voreilig Theaterplatz Ein gutgulpitctos Speziulqouchttft V bringt dem Kiiulor vielseitige Vorteile ausgesprochenes Weliibbe bereiten und. wenn sich die Uninögltcli feit der Erfüllung Herausstellen sollte, seine Anslösnng vor setzeskuiidigen Welehrten beantrage» Tann. 'Telbiivetiiandlich ha» delt es sich dabei - das sei »och einmal ansdrüiklirli seiigesielll lediglich mit Weliibde, die die eigene Person des Welobettden und sonst niemanden betreffen. To psuchologisih verständlich und ge rechtfertigt die anders gearlele Behandlung des Welnbdes aldes Eides in der jüdischgn Tradition erjclieinen mag. jo muß doil, gesagt werden, dag die jüdische» Wesebe-leger nichl allzngein von dieser Einrichtung (gebrauch gemacht habe». Aehulich wie beipi Eid, empfehlen sie auch hinsichtlich des i'-elubde-- möglichste Bei meidung eines Tchwnres, durch dessen Nichiersiillenkönnett matt sein Wewissen stark beschweren wurde. Telbsl vom P'.e loben von Almoie» raten sie al^ läute Werke soll man üben.taber nicht zuvor geloben, damit man sich selbsl'nichl Lügen z» slraien braucht. Ans diesem Wninb sngen viele vlnden auch heute snoch jedem Bersprechen, das die e'>"knnft betrifft, die Iormel „beli neder" Hinz», um dadurch anzuzeigrn, daß es sich bei ihren War ten nicht »m ein sörmliches läelubde handelt Ter Angit, daß man vielleicht aber doch »»bedachlerweise etwas geloben könnte, das einznhalten »tan dann nicht .tu der Lage ißt, ,t: sprang das Mol N idre Webet, in dem der ande Wall mit Berzethnng bittet für die Uebertrelnng oder Wiihleinhallung io!