Jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 12 (2.7.1930)
- Date
- 1930-07-02
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aussprache über jüdische Siedlung in Deutschland. Franz Oppenheimer über Siedlung als deutsch« und jüdisch« Ausgabe. Bor anderthalb Jahren gewannen die aus den Kreisen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten stammenden Anregungen zu systematischer jüdischer Siedlungsarbeit in Deutschland festere Form durch Gründung des „Reichsbundes für jüdische Siedlung, e. V." als Ausgangs- und Sammelpunkt für die Werbearbeit, und der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H." als Trägerin der praktischen Arbeit. Der Unterrichtung interessierter Kreise über den Stand der Arbeiten diente ein Aussprache Abend in de» Rau men des Demokratischen Klubs in Berlin. Alle Kreise der Berliner Judenheit waren durch prominente Persönlichkeiten vertreten. Der Vorsitzende der Siedlungsorganisationeil und des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Hauptmann a. D. Dr. Leo Löwenstein, umriß in seiner Begrüßungsansprache die historischen und sozialen Grundlagen der Bewegung, für die schon vor , fast hundert Jahren weitblickende deutsche Juden eingetreten sind, und würdigte vor allem die Verdienste der Gartenbauschule in Ahlem §r das Gesamtjudentum. Er berichtete über den wichtigsten chritt zur Praxis bin, den Ankauf des Gutes Grotz-Gaglow bei Kottbus, der ermögllcht wurde durch ein 100 000-Reichsmark-Darlehen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Das Gut ist 820 Morgen groß und soll vor allem der Großgärtnerei und Geflügelzucht dienen. Zunächst sollen 38 Gärjnerstellen, 25 Geflügelfarmen und 3 Bauernstellen errichtet werden. Ter Jahres-Etat einer Siedlerstelle soll mit 4000 bis 5000 Reichsmark balancieren, hiervon 200o Reichsmark Arbeitsverdienst. Später sollen bezüglich Kredite, Behordenhilfe und dergl. mehr die sich aus dem Reichssiedlüngsgesetz ergebenden Möglichkeiten voll ausgenutzt werden. Schon letzt haben die sachbearbeitenden Behörden aus ihrer Erfahrung reiches Material beiaesteuert. Gedeihen kann aber, so schloß Dr. Löwenstein, das Werk nur, wenn es vom gesamten deutschen Judentum als Ansatz zu schöner jüdischer Zukunft erkannt und getragen wird. Das Referat hielt nunmehr der langjährige wissenschaftliche und praktische Vorkämpfer der Siedlungsidce und Lehrer der Soeke, Professor Dr. Franz Oppenheimer. Er führte aus: Das tsziel ist ein jüdisches und deutsches zugleich: jüdische Mc». schen ins (nicht aufs) deutsche Land zu verpflanzen, nicht als Werk der Philanthropie, sondern als Gestaltung der Volkswirtchaft. Referent gibt ein Bild von den brennendsten volkswirtchaftlichen Fragen der Gegenwart: Ihr Kennzeichen ist Urbaniierung, Bergroßstadtlichung des Volkes von den Hochburgcil des Großgrundbesitzes her und maßlose Steigerung der industriellen Produktivkraft, hierdurch wachsende Grundwerte in der Stadt, Verelendung des Stadtproletariats und sinkende Bvdcnprcisc und Absatzmöglichkeiten auf dem Lande, in ihrem Gefolge Expansion des Industriekapitals, Kampf um die Absatzmärkte und wiederum deren Verstopfung durch Lieferung des Materials für eigene Jndustrienz im Effekt: Krieg und Vernichtung. In der Landwirtschaft hält sich nur noch Kleinbesitz und Genossenschaft. Der Großgrundbesitz alten Stils stirbt seinem Urberbau, dem Feudalstaat, nach trotz aller Osthilfe. Seine Rettung wäre noch: Intensivierung, Verbindung von Wirtschaftsformen mit kaufmännischen Methoden und Elastizität gnd Beweglichkeit. Sie ist unmöglich durch die vom System bedingte Landflucht hochwertiger Arbeiterschaft. Die Rettung der Volkswirtschaft sicht Oppenheimer, ermutigt durch seine sorgfältigen Experimente auf „Bärenklau" u. a. m., allein in der Siedlung. Eine mächtige Siedlungsbewegung wird den Großbesitz nicht ,,enteignen", sondern mit großen Preisen auskaufen, da ihr ja feder Morgen mehr gilt, als das Vielfache dem Großbesitzer. Siedlung zieht Gewerbe und freie Berrife an, schafft gesunde Verhältnisse, stärkt das Stadtproletariat, bildet großen Binnenmarkt, zieht hierdurch die Expansion der Industrie vom konkurrierenden Weltmarkt ab und wirkt so kriegsverhütend, Krisen mildernd, entwindet das Land, das dem Volke gehört, einzelnen, die seiner nicht würdig, und schafft dem Volksstaate erst seine Existenzgrundlage. Denn das Volk wird nur die Staatsgewalt ausmachen, wenn der Boden ihm ureigen gehört. — Das Juden - tum nun ist durch die Urbanisierung am stärksten betroffen: Vor 70 Jahren in Kleinstädten und auf dem Lande kulturell blühend, seelisch, moralisch und körperlich gesund und lebensvoll, mit schönster Traditionsbindung, rst es heute entwurzelt, unsicher, dem Verfall entgegengehend, trotz aller denkbar zu begrüßenden Renaissance-Bewegungen im jüdischen Leben der letzten 30 Jahre. Das Judentum muß aber erhalten werden als edles Instrument Wir färben und reinigen alle Garderoben in allerbester Ausführung KUHLKE & BEHRENS Fabrik i Industrlestrahe 30 Uoland 21 32 35 Hauptgeschäft i Herdentorsteinwe^ 35 1) 208dl Freie Abholung und Zustellung im Orchesterklang der Weltkultur, kann es jedoch nur auf dem Wege der Siedlung. Groß Gaglow ist hier Symbol und Verheißung als erste jüdische Landgemeinde im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Wir erwarten von dort Vcfruchtung des jüdisch - religiösen uitd sozialen Lebens, aber auch - wenn auch die In dcnfcinde nicht uns als Maßslab zu dienen haben — hie schönste Waffe im Ehrenkamps des Judentnins für feine Geltung als produktiver Faktor. Tic „Gefahr" für sie erkennen die Verleumder schon und suchen die Arbeit zu hemmen. Schon die Vorwände, dem Judenhaß zu nehmen, um noch Velehrbarc zu belehren, ist verdienstlich. „Tie Erde ist die beste aller Banken. Denn je grö her Arbeit und Schweiß, um so hoher die sicheren Zinsen!" Oppenheimer schließt mit einem Mahnruf an die Kommenden, sein Werk, das er siegen, aber nicht sich vollenden selten könne, zu vollenden und, Nelsons berühmtes Wart abwandelnd: „Juda erwartet, daß jedermann seine Pflicht tue!" Die Versammelten dankten ihm mit einer stürmischen Ovation. In kurzer Ansprache erörtert der Schatzmeister Roscnthal Finanzsragcn und Dr. Gutmann (München), das rege Interesse in Süddeutschland begründend, die erfchrcckendc Geburten »nd Selbstmordstatistik der Juden als Vcrfallszeichcn und Mahnung zu neuen Wegen der Produktivierunzz. — Dr. Löwcnstein schloß mit Worten herzlichen Dankes an Oppenheimer die Vera,mal tung. pftegestellen- und Aöoptionswesen. Im Mai d. I. fand die Vorstandssitzung der Z e » l r a l e s n r jüdisches P f l e g e st c l l e n iv e s e n u n d A d v p l i o n s v e t nt i 111 ti it fl, Füdifcher Frauenbund, c. V. in Elberfeld stau. Von auswärtigen Mitgliedern waren erschienen die zweite Vorsitzende Frau F l ö r sh e i »i - Düsseldors, Fräuteiu Hanuah Kar \ ininski - Berlin, Herr Direktor Plato- Köln, Herr Dr. B e r g e l - Frankfurt a. M. Der Vertreter der Zentralwvhlsahrtsstelle, Herr Rabbiner Dr. Esche lbache r Düsseldorf, haue in letzter Minute abjagcn,müssen, ebenso Fräulein Pros. Tr. Metier Tugel dorf. Um über gemciusame Arbeit zu verhandeln, haue das Berliner jüdische Wohlfahrtsamt Fräulein Silbermann entsandt. Aus dein Jahresbericht, den die Vorsitzende Frau S a »t tt e 1 erstattete, ging hervor, daß die Pslegeclteritinelduugeu wohl infolge der ivirtfchastlichcn Lage stark aiigewachsen sind, während die Zahl der Adoptiveltern zuruckgegange» ist. Die Verteilung der Vslegestellen in den einzelnen Landesgebieten ist sehr verschieden. In Hessen, Hessen-Nassau und Baden sind sie immer noch in größter Zahl vertreten, während in aitdcrcu Laudesleilen Mangel herrfcht, oder, wie in Westfalen, die Pslegesätze zu hoch sind. Es ist häustg schwierig, die Enticndcstellen zur Tragung der Dijsereuz zwischen dem behördlichen Pflcgesatz und dem durchschnittlich, mäßigen Enu gelt für jüdische Familieupflrge zu veranlasjeu. Hier liegt oft die Ursache, daß Vermittlungen nicht zustandekommen. Es zeigt sich aber auch ein 'Mangel befonderer jüdisch sozialer Verpflichtung. Im Berichtsjahr erfolgten 'Meldungen von Kinderit in christlicher Pflege auch von behördlichen Jugendämtern. Für das Pflcgestelleuivesen lagen 17 Pflegeeltcrn- und 21 Pslegekinderi'ncld,tilgen vor. In Pflege vermittelt wurden acht Kinder. Aus ch r i it ■ l i d) c r P siege wurden durch Frau M.rllh W e i ß k o p f Barmen 38 Kindermeldungcn bearbeitet, 21 Kinder kamen in jüdisch^ Umgebung, teils in Privatpflege und Anstalten,-teils zu Angehörigen zurück. 2t> Kinder wurden durch die „Nachstehende Fitrforge" von Frau Martha Jfacsou Barmen betreut. Tie Berichte, die von Vertrauensleuten, Behörden und Pflegeeltern regelmäßig cingezöge» werden, zeige» eine gute Betreuung der Kinder, aber auch bei einzelnen die für ihre Entwicklung wertere notwendige fürsorgerijche Bcobadttung. Aus dem Kassenbericht von Frau Clara I j a c f o tt -- Barmen ging hervor, daß der Pslegegeldzusdtuß im Berichtsjahr 28ltä,'.>l Mk. betrug, davon konnten 1272 Mark von zahlnngspslichtigen Stellen wieder hereingeholt werden/ Im A d o p t i on s iv e s c n (Leiterin Frau Else M e » e r - Elberfeld) lagen I!l Adoptivelternnicldnngen gegen 1ü int Vorjahre vor. 21 Kinder wurden zur Annahuic gemeldet. Vermittelt wurden 10 Kinder, davon ein Kind du rät die Vcrtrauensstclle Brcsl-rn, ein Kind durch Bremen. Drei AdoptionsvertrÄge sind davon ge ridtllich abgeschlossen. Bei schwierigen Fällen sicht.der Zentrale das Deutsche Archiv sitr Berussvormunder in Frankjurt r. Pi. in dankcnswertcr Weise zur,Seile. In sieben örtlichen Arbeils Aus schußsttziiitgcn wurde außer der laufenden Arbeit zur Familien oder A n ft a l t spf l c ge , zum Regiernngs sowie Gegen ennvurf zum U n e h e l i d> e n r e dt t und zur A n n a h »i e an K i n d e s st a 11 Stellung geuontnicit- sowie Pflegegeldzusdiiisse. Er ziehungsbeihilfen, aus Anregung von Anstaltsjeite die Pilegejatze der Behörden fitr Familienpflege und Verjidiernng der Pflegekinder besprod-en. Es konnten von der Zentrale im Berichtsjahr vier Versicherüngen eingeleilct werden, wovon eine mehrere Mitglieder der Ortsgruppe Barmen übernommen haben. Dem Vorstand trat als ärztlicher Beirat Frl. Pros. Tr rued Sclma Metter-Düsseldorf bei, die jederzeit der'Z.entrale mit ihrem Rat zur Seite stand. Tie finanzielle Lage >var einigermaßen ge sichert durch Beiträge »rtd Spenden sowie einem Teilzusdtnsz ans Rcichsmitlcl», der dnrdt die -'.entralwoltlsahrtsitellc zugekührt wurde. Der Dank der Vorsitzenden galt allen Mitarbeitern, den Vermittlungs- und Vertranensstell.cn, sowie, den Verbänden, >'le meinde». Ortsgruppen, Vereinen, Logen und Schwester »logen für ihre Mitarbeit und finanzielle Unterstützung, insbesondere a»d> der Synagogengemeind« Elberfeld, die der Zentrale Unterküns: gewährt.