Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 51 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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in jeder Ihnen wirksam erscheinenden keil zugänglich zu machen." jorm der Oesfentlich- Ein zweiter sozialdemokratischer Führer, der frühere Staatssekretär Dr. Julius Deutsch, bezeichnet in einer Zuschrift an den „Sport-Montag" die Mitteilung übär Judenverfolgungen im Arbeiterfußball-Derband als Legende lund erklärt, daß sich die Stimmabgabe bei den neuen Borstandswahlen im Fußball- Verband niemals danach gerichtet habe, ob irgendein Kandidat Jude oder Nichtjude ist. Der „Sport-Montag" fügt dieser Zuschrift einen Kommentar bei, in dem Dr. Deutschs Gutgläubigkeit nicht in Zweifel gestellt, aber erklärt wird, Dr. Deutsch sei seitens seiner Untergeordneter unrichtig informiert worden. Es sei nicht zu bestreiten, daß e!n „stiller Antisemitismus" in die Sozialdemokratische Partei ei igedrungen ist, der sich u. a. darin äußert, daß in der letzten Jeit Parteiposten ausschließlich dn Arier unter Ausschaltung soxar der konfessionslos gewordenen Juden vergeben werden. i Zwischen Toten uit6 Elendigen Besuch im Rampsgebiet Bo» Si. Mähl, i^berstudiendirektor am Reälgymnasiun^ Itzehoe. ler inneren Sammlung Gräbern lieber Menvieie Hunderttausende g liebe Menschen verin Asien, irgendwo in n Australien unter der issen oder in Gefangen- Heute ist Totensonntag. Tag und des Gedenkens, während man an de schen steht. Wie viele können das? Wii und Hunderttausende haben im Weitster loren, die irgendwo in Europa, irgendw Afrika, irgendwo in Amerika, irgendwo Erde liegen, an der Front gefällt und zer schaft verstorben. So gehen heute meine Gedanken ziurück zu den Schlachtfeldern und Gräberreihen, die ich im Sommer in Nordfrankreich sah, wo ich das Grab des toten Bruders suchte. Zurück zu den Toten, die da liegen, und zu den Manschen, denen ich dort begegnete. j Es war an einem glutheißen Tag Mitte Juli, als ich von Paris nach A r r a s fuhr. Die 3. Klasse rpar •*- Ferienbeginn! — überfüllt. Die Rücksichtnahme bei der Berstauung des Handgepäcks brachte ganz natürlich Gespräche mit sich. Kaum war es heraus, daß ich Deutscher sei, da wurde ich von einem Mitreisenden völlig mit Beschlag belegt. „Uu professeur allemand“, flüstert er seiner Frau und den übrigen zu. Ein Kommunälbeamter aus Paris, der mit Familie ir Urlaub nach der flandrischen Heimat fuhr. Bier Jahre ar der Front, ohne verwundet zu werden. „L'ert äe Is cksnce'? und „Oh, die Deutschen waren tapfer und mutig!" Ein kleines Städtchen kommt in Sicht. Eine schlanke, gotische Kirche. Der Turm beschädigt. I Ich schaue zum Fenster hinaus. „Das ist E o r b i e. Hier ist euer Richthosen gefallen." Der Franzose erinnert den Deutschen an seine Helden. Mit innerer Bewegung trat ich aus dem Bahnhofsgebäude von A r r a s in die Straßen dieser heißumkämpften Stadt. Die großen neuen Hotels mit ihrem Drum stnd Dran am Bahnhofsplatz und in der Hauptstraße lieh ich liegen und fragte in einem kleinen Casö am Theaterplatz nach einem preiswerten Gasthof. So kam ich zu dem biederen Inhaber des Eafö Boniface, der zwar in Hemdsärmeln hinter der Theke seinen Gästen aus dem Kleinhandwerker- und Arbeiterstar de die „consommstions" verabfolgte, aber für ganze zehn Franken seine paar sauberen Zimmer vermietete. Es'war noch eins )er reizvollen, winkligen Häuser aus dem alten Arras, das de: Krieg verschont hatte: Treppen wie Hühnerstiegen, dafür abe: ein entzückender Blick in einen engen, alten Hof, auf einen «feugeschmückten Laubengang und eine jetzt zwar brüchige, dich einst mit Geschmack gefertigte Hoftreppe. Bor allem fand ich Menschen, die Verständnis hatten für die Stimmung, in der ich bei ihren einkehrte. Der alte Bater des Eafötiers erinnerte an so manches deutsche Altersschicksal! Seine Ersparnisse hatte die sianzösische Inflation aufgerieben, er war nun Oberkellner, Portier und Hausknecht zugleich. Doch in keinem Hotel bin ick würdiger bedient worden als von diesem Manne, der das große Sterben der Stadt miterlebte und nun dem deutschen Gast mit viel Freundlichke.t seine Dienste leistete. Als ich in den schmalen Weg zur Baracke einbog, wo der „Gräberdienst" der Kommandantur untergebracht ist, wurde rch aus einem entgegenkommenden Auto a»gerufen und nach meinem Begehr gefragt. Es war der Gräberoffizier selbst. Ich trug mein Anliegen vor. Die Büros würden zwar gleich geschlossen, war die Antwort, ich solle indes nur sagest, er hätte mich noch geschickt. man würde mir bereitwilligst meine Wunsche erfüllen. Und so war es. Bis gegen 8 Uhr las Ich mit dem hilfsbereiten französischen Beamten die langen Gcäberlisten der früheren deutschen Sokdatenfr.edhöfe des ganze, Bezirks, die noch aus deutscher Zeit stammten und nach dem» die Umbettungen ausgeführt waren. Als das vergeblich t lieb, suchten wir in der Kartothek des endgültigen deutschen Fctedhoss von Neuville unter mehr als SS 00V Karten nach den Namen meines Bruders. Wohl fanden wir Namen vors Kameraden aus seiner Kompagnie: Namen tauchten vor mir auf, deren Träger ich gekannt: viele schleswig-holsteinische Namen von heimatlichem Klang zogen an mir vorüber, doch der ersehr te Name kam nicht. Ich 'brach ad. Alles sprach jetzt dafür: daß )ie letzte Ruhestätte meines Bruders jenes große Massengrab von St. Laurent-Blangy war. in dem die Gebeine von 21000 unbekannten deutschen Soldaten beigesetzt worder sind. Dorthin pilgerte ich am nächsten Tag. Um keinen Umweg zu machen, rufe ich eine vorübergehende Frau an und frage nach dem deutschen Massengrab von St.'Laurent. Sie weiß nicht rechtl'Bescheid: aber sie holt eine zweite Frau dazu, auch noch eine dritte kommt, man beredet sich eifrig und weist mich auf die- Lastdstraße nach B a i l I e u l. Der Weg führt bergan.! Rückwärts überschaut man Ärras in der breiten Ausbuchtung des Scarpegrundes, und auf der Höhe tut sich ein weites, lei ht gewelltes Blachfeld auf.- Unübersehbar reihen sich die reisen und satten Weizenfelder aneinander, die der Morgenwind leise bewegt. Ein strahlender Tag schüttet Sonnenglanz aus über jeden Fleck, so daß am Horizont die hellen Farben der neuen Dörfer ^aufleuchten. In den Lüften klingt hundertfach das Lied der Lerchen, und je höher man steigt, desto zauberischer wird der Schleser, den der ferne Duft um das Bild der Stadt im Grunde web^. „ Mitten durch das deutsche Grabensystem von 1915—1917 schreite ich hindurch. > Heiliges Land! Hier ist einst um jeden! Mete? breit gekämpft, ist Blut über Blut vergossen worden umj jeden Wall und jeden Hügel. Will der rote M o h n, der aus den üppigen Weizenfluren heroorbricht, ein stummer Mahner sein des Geschehenen? Sein roter Schein begleitet auch zu j beiden Seiten am Grabenrand" die Straße, und ich pftücke schnell einest Ullen Strauß. __ Mittlerweile schickte iiie Sonne ihre brennende Glut herunter. Jetzt erst bemerkt^ ich, daß die Straße schattenlos ist. Die jungen, zierlichen unh dünnen Bäumchen, die man eben angepslanzt hat, können ndch keinen Schutz geben. Einst, stand hier kilometerweit eine alte Allee: die regelmäßig wiederkehrenden kreisrunden Flächen in der Grasnarbe des Grabenrandes. ab und zu auch wohl ein stehengebliebener Holzstumpf sind die letzten Zeugen. Dort, wo die Straße St. Laurent— Roclincourt meine Straße kreuzt, gähnt zur Linken e i n mächtiger Trichter von 20 bis 30 Meter Durchmesser: auf der rechten Straßenseite. it»m| gegenüber, kündet ein englisches Kameradei erneuert rechtzeitig das Id-Abonnement I. Januar 1930 405