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Der Schild · 1929-11-29 · 49 (29.11.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
49 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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ich sicher", sagt Meyrink und hat darin den eigenartigen Zauber des alten Prag mit seinem Ghetto eingefangen und wieder lebendig gemacht. Die Prager Iosefstadt. die heute noch die Reste des Ghettos enthält, in welchem die Juden noch bis 1860 Zusammenleben mußten, liegt mitten in der Altstadt, im Zentrum des Verkehrs, mit vielen winkligen, krummen, engen, geheimnisvollen Gäß chen. Der ganze Stadtteil war früher durch g Tore, die des nachts geschlossen wurden — die Ketten, mit denen das Ghetto abends abgeschlossen wurde, sind noch im Rathaus zu sehen —, von der übrigen Stadt abgesondert. Mitten im Ghetto liegt die berühmte A^tneu-Synag o g e, die älteste Synagoge Prags und eine der ältesten Europas. Im byzantinischen Stil erbaut, stammt sie vermutlich aus dem zwölften oder gar elften Jahrhundert. Doch will die Sage, daß sie schon nach der zweiten Vertreibung der Jude» aus Palästina, also vor ungefähr 1850 Jahren, erbaut worden sei und daß ihre Erbauer, eine Gruppe von Emigranten, die vom zerstörten Tempel in Jerusalem mitgenommenen Steine als Grundsteine der Altneu-Synagoge verwendet hätten. Sie nannten die Synagoge darum „A l - T n a i“, d. h. „mit dem Vorbehalt" — daraus dann verdorben „Altneu"-Synagoge —, wenn Gott einst Israel erlösen und wieder nach Palästina zurückbringen werde, diese Synagoge nicht im Stich zu lassen. Am Portal der Synagoge ist ein schöner Tympanonschmuck aus dem 14. Jahrhundert, den symbolischen Weinstock mit den 12 Stämmen Israels darstellend, zu sehen, das Innere des romanisch-gotischen Baues — übrigens ein seltener Baustil für eiryr Synagoge, und man hat. um am Gewölbe die Kreuzessorm zu vermeiden, immer einen Bogen auslassen müssen — liegt mehrere Stufen tiefer, denn der äußerlich sichtbare Unterbau stammt aus einer späteren Zeitperioüe als der Hauptbau. Auf fallend die meterdicken Mauern mit kleinen Gucklöchern, fast wie Schießscharten, aber bestimmt für die Frauen, die hierdurch von draußen dem- Gottesdienst der" Männer zuschauen dursten. Zwei achteckige Pfeiler stützen die Decke: an einem von 'ihnen ist eine große Fahne befestigt, die der Prager Iudengemeinde angeblich von Kaiser Karl IV. im Jahre 1357 verliehen wurde: sie trügt als Emblem den sogenannten „Schwedenhut" als eine später von Kaiser Ferdinand III. den Juden für die bei der schwedischen Belagerung 1618 bewiesene Tapferkeit verliehene Aufzeichnung. Neben der Synagoge steht das Israelitische Rathaus. nach mehreren Bränden wiedererbaut im Jahre 1761, ',u kiner Zeit, wo die Jüdische Gemeinde noch eine politische war. Sehenswert ist die Uhr am Turm mit hebräischen Zahlen, derön Zeiger sich von rechts nach links bewegen. Weitaus am interessantesten ist aber der alte Iudenf r ne ü h o f, hebräisch „Beeth-Chajim", d. h. „Haus des Lebens", genannt, über dessen Eingangspforte die Worte stehen: „Ehrfurcht .dem Altertum. Achtung dem Eigentum, Ruhe den Toten." Die; älteste Inschrift soll aus dem Jahre 4356 jüdischer, d. i. 596 christlicher, Zeitrechnung stammen. Zu den denkwürdigen Grahmälern gehört das des „hohen" Rabbi Lüw, umgeben von den.Grabmälern seiner Schüler. Er war einer der gelehrtesten und! größten Rabbiner des 17. Jahrhunderts, im Volke als Wundertätergepriesen, der Schöpfer des „Golem", Verfasser unzähliger Werke, aber auch bei Kaiser Rudolf beliebt und geachtet und schließlich als Astronom und Freund Tycho de Brahes weithm berühmt geworden. Tie Sitte, berühmten Männern ein Denkmal zu errichten, ist dem Judentum fremd. „Den Ge rechten fetzt man keine Denkmäler, ihre Werke sind ihre Tenkinäler", so heißt es im Talmud. Darum ist es bemerkenswert, datz trotzdem in Prag im letzten Jahrhundert am Neuen Rathaus diesem ehemaligen, allgemein hochgeachteten jüdischen Gcistesoberhaupt ein Denkmal errichtet worden ist, wozu der Schöpfer, Professor Ladislaus Saloun — ein Christ — sich folgendermaßen geäußert hat: „Ich konnte sicherlich keine bessere Staiue stellen als jene des gelehrten und geheimnisvollen Rabbi Löm, in welcher alles, was das alte PrggLr Ghetto Edelstes hervorgebracht hat, verkörpert war. Rabbi Löw war mir das Symbol des Ghettos." Aber auch noch andere berühmte Größen des Ghettos sind hier zu finden. Auffallend ist, daß die Prager Juden auch künstlerisch bedeutend gewesen sein müssen, so z. B. als Musiker, was aus den auf den Grabsteinen einqemeißelten Musikinstrumenten sHarsen und Violinen) hervorgeht. Andere Grabmäler w.eder tragen das Zeichen des Stammes: so bedeuten z. B. zwei segnende Hände das Priestergeschlecht Aarons, eine Lampe die Leviten: auch Familiennamen sind oft symbolisch angedeutet, z. B. Hirsch, Löwe und Hahn finden sich öfter. Bemerkenswert ist auch die Sitte, datz fremde jüdische Besucher, die gewissermaßen als „Pilger" hierher kommen, auf den Grabmälern der Berühmtheiten kleine Srsinchen niederlegen, und je mehr solcher Steinchen auf einem ^Grabmal liegen, um so ehrender für den.Toten. Leider hat die neue Zeit auch vor diesem alten Friedhof mit seinen Denkmälern nicht haltgemacht, ein Teil ist im Jahre 1903 abgetrennt worden, und gegen -2000 388 Gräber und Grabsteine, die dort stanhen, mußten ausgehobc und in einem Massengrab, vor dem jetzt ein großes Monuim steht, veigesetzt werden. Die alten Grabsteine aber sind über^ wo es noch möglich war, ausgestellt worden, so daß sie jetzt diu gedrästgt fast aufeinanderstehen. Aber auch heute noch ist t alte Friedhof eine Sehenswürdigkeit und ein ehrwürdiges De, mal chis der Vergangenheit der uralten Prager Iudengemein Bei uns in Deutschland sind Hit Ghettos gänzlich Schwinden begriffen. Wohl gibt es in Hamburg noch ein Ghen allgemein die „Iudenbürse" genannt, mit lebhaftem Handel betrieb und nahezu orientalischem Gepräge, aber wie lanoe no> und die Großstadt wird diesen Fremdkörper völlig aufsauge wie es z. B. in Frankfurt a. M., das einst ein interessant Ghetto hatte, bereits geschehen ist. und ebenso in Mainz. 11: dasselbe gilt auch für Berlin. Wer weiß heute noch, daß auch in Berlin ein Ghetto gegeben hat und sogar noch gii das der Volksmund die „jüdische Schweiz" getauft hat! Da man eben noch von dem wogenden Verkehr des Alexande Platzes umgeben, aber nur einige wenige Minuten später, in eine dsinkle Straße, die den echt preußischen Namen „Gren, dierstraße" trägt, nimmt uns auf und eine völlig andere Wc umgibf uns plötzlich. Wie aus weiter Ferne tönt nur noch ck Groksthdtlärm herüber, denn hier hat leine andere, stillere G> schäftigkeit ihr Wesen, ein kleiner Laden neben dem andere! mehrerie rein jüdische Buchhandlungen,^ überall jüdische Spe st Häuser!mit hebräischen Aufschriften in ^jiddischem" Idiom, klein Attentat in Jerusalem Ein Araber schießt auf den höchsten englischen Iustizbeamtrn in Palästina. Jerusalem. 25. November. Norman Bentwich, der höchst« Iustizbeamte der palästinen fischen Negierung, wurde ln seinem Büro von einem untergeord neten arabischen Regierungsbeamten durch drei Revoloerschüsse verwundet. Ter Attentäter ist verhaftet. Bentwich, der eng lischer Jude ist, war im Zusammenhang mit der kollektiven Bestrafung arabischer Dörfer, deren Einwohner sich an den Plünderungen jüdischer Heimstätten beteiligt hatten, von de. arabischen Press« scharf kritisiert worden. Anläßlich des Versuches der Araber, die Juden in Jaffa zu boykottieren, wurden mehrere Boykottagitatoren, darunt r führende Mitglieder der arabischen Exekutive, verhaftet. Ti' arabischen Geschäftsinhaber in Jaffa haben zum Zeichen de; Protestes ihre Läden geschlossen. jüdische Cast-s und Konditoreien, auch Betsäie fehlen nicht, übera vorwiegend jüdische Gesichter und bin und wieder auch „jidd schc' Laute, es ist. als wäre man im östlichen Europa in irgendeine galizischbn Stadt. Am Freitagabend aber, mit Sonnenuntergang, bekommt di. Straße lein besonderes Gesicht, die Männer in langem Kaftar und breiitkrämpigem schwarzen Hut gehen mit feierlichen Ec sichtern 'zur Gebetsversammlung, hinter den Fenstern flammei »ach und nach die „Sabbat"-Lichter auf, der Sabbat beginnt die Straße stirbt langsam wieder aus, das Leben hat sich in du Häuser zurückgezogen. Aber nur diese Straße und noch ein Querstraße zu Ende . . . und die grellen Lichter eines moderne: Kinopalastes, hupende Autos und ratternde Autobusse erinnert iins, daß wir in der Großstadt sind. Das tötet langsam, abei sicher jede Romantik und jede Eigenart. Bewundernswert nur wie lange und wie zähe sich doch auch hier die jüdische Eigenai aller neuzeitlichen Kultur zum Trotz gehalten und behauptet ha. 3" größerer Lebendigkeit haben sich die Ghettos noch in Rußland und in Polen erhalten, so besonders das Warschauer Ghetto und das zu Krakau, dessen altet Friedhof mit den Ruhe statten vieler berühmter Rabbis eine richtige Wallfahrtsstätti mlüet. Auch in der Tschechoslowakei und in Oesterreich — das ®l®ner hat allerdings sehr an Bedeutung verloren - finden jich noch mehr oder minder lebendige Ghettos. Wie e-' um die entzieht falls, der Alten Welt, werden sie bald nur noch wie ein Traum wie ein gehende Ghettos in der Neuen Welt, in Amerika, bestellt ist persönlichen Kenntnis. In Europa jeden Märchen aus vergangenen Tagen sein, eine unter Welt.

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