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Der Schild · 1929-11-29 · 49 (29.11.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
49 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Dev lente Veteran 2alzgitte^ Dir ««rSsfentlichen einen Artikel über einen «Kämpfer aus d«, Freiheitskriegen. erschienen 1|881 in der „Talzgiiterschen Zeitung" . den 28. Dezember 1881. Von befrep «.zicn und w si.heiide Notiz Der heute;• it durchlebt, (wen, wo sein Heute wurde hier der letzte Veteran der Freiheitskriege 1H1S 1815, der 95 Jahre alte Markus Meyer, zu, Erde bestattet" Der hiesige Kriegeroerein - mit der M, sikkapelle des Jagerbatoillons sowie zahlreiche Bürger und Einwohner - ' einige Lc ndwehroffiziere, gaben dem alten fiameraden das 1cengeleit z, seiner letzten Ruhestätte. Das ungewöhnliche Schauspiel eines militätischen Beiräb- >es hatte junderte von Zuschauern angelock. und hat ein > imposantes Begräbnis hier wohl noch nie ftat «gefunden. Die til, der 10] Jäger blies eineiig prächtigen Triuermarsch bis dem jüdisc>en Friedhöfe, auf dem ein jüdischer Religions rer aus Wolfenbüttel sowie ein Sohn des Bersorbenen einige;. r:,e, aber recht erhebende Reden hielten und wl» vom Kriegerp. ein die üblichen drei Salven äbgescnert wuricn. Nach Be oigung der Feierlichkeit bewegte sich der Zug unter den - dingen der 90tufih dem Orte zu, und trug die scköne Witterung bei, die Jeiet für Teilnehmer und Zuschauex zu einer noch icufle in Erin »erung lebenden zu machen. ndeter Hand sind ürdigen Beteranen über seine Erlebni wir imstande Meyer unserer e zu geben. zur ewigen Ruhe bestattete Veteran Markus iv-eyer dahier hat das ungewöhnlich hohe Aiter vors fast 95 Jahren erreicht und hast eine langjährige und inhaltsvolle Militärdienst- Derselbe ist im Miliz 1787 in Gr»ß-Rhüden ge- Vater Lehrer war. er lernte in Viagdeburg die Vuchbinderprof> lsion und wurde in Jahre 1897 a!s westfälischer Soldat in Kassil in Dienst gestellt, wo er bis 1812 fast ununterbrochen im Dienst war und alsdann mit der Großin Armee zum Feldzug nach 9 ußland ausmarfchn rte. Da er di r Fremdherri'ckaft nur mit Widerwillen diente, nahm er eine günstige Gegenheit. wahr jund desertierte auf dem Marsch i , Königsberg, ::um auch, roenh auch unter viele« i Drangsalen, glücklich nach Groh-Rhüden zstrück. Kaum war er aber einige Tage in der Heimat, so war auch schon sein Aufenthalt daselbst verraten, ino nachts holten ihn französische Gendarmen aus dem Bette . schleppten ihn nach dem Wiltshause. ohne ihm Zeit zu aisen, sich ordentlich anzukleiden und Strümpfe und Stiefel »ziehen zu können. Da sah er nun mit Sti cken an den bilden gebunden, um nach Kassel transportiert uid als Deser- : i:r erschossen hu werden. Während nun die Gl ndarmen am "isch sahen unds tüchtig zechten, ging der Hausknecht an Meyer rüber und bedauerte ihn. Meyer bat denselben aber, ihm die 'triefte, womit [er gefesselt, zu dui chschneiden, was der Haus- »ccht, ohne dag die Gendarmen is merkteit, ra ch aussührte, : Tür zur Küche offen lieh, durch [die Meyer dann auch schnell ulfloh, über einen Zaun sprang unp barfuß durch tiefen Schnee ach dem im Amte Lutter a. Bg. belegenen Orte „Jerze" ei.te, 3 er in der Nacht einen ihm bekannten Hofbesitz« r weckte und ui bat, ihn einige Tage zu verbergen, wozu sich dir Mann auch '.eit fand. Meyer blieb bei demse den nur einige Tage, wurde >r Kleidungsstücken versehen uni» ging dann in der Nacht -ich Holle, wo!er sich von Bekannten einige Taler Reisegeld ch und sich entschloß, sich von drn in der Geiend heimlich ulenden Werbern für ein zu errichtendes Harzer Iägeraillon anwerven zu lassen. Meyer wurde auch angeworben, « nn aber zu dem in Hoya erric>teten „Leichter Bataillon" gegeben. Mit diesem Bataillon nahm er an dei Schlacht bei •r Göhrde teil, dann bei dem Sturm auf Hamburg, und dann i allen kleineien Kämpfen im Bremenschen und bis zur belieben Grenze beteiligte er sich und stand kis zur Rückkehr Moleons von Elba mit dem englifch-hannoverfä en Heere in lissel, machte sodann die Schlacht bei Waterlio mit, kam sdann bei Pmis ins Lager, muhte nach dem Friedensschlüsse ck mehrere Iuhre bei den Exekutionstruppen ist Frankreich rbleiben und erhielt dann seine Entlassung, einen ehrenvollen äschied und diq Medaillen für den Sturm auf Hamburg und aterloo. und die Medaillen sind bei einem ihn später betroffenen Brande leider verbrannt. Entlassung aus dem Militärdienste etablierte ander in Groh-Rhüden und ernährte sich und nn auch unter Sorgen und Entbehrungen, als über unseren Lesern nach- Der „Abschie! Groh-Rhüden Nach seiner > . sich als Bucht» "e Familie, w echtlicher Mann Seit einer langen Reihe von Jahren bezost Meyer die Daterloo-Pensior, welche, nachdem er von Groh-Rhüden nach hier übersiedelt war, noch bedeutend mit seiner Frau bei seinem hier w> •2'A Jahren wurde ihm seine Frau ä war er seit dieser Zeit beständig lei! Tod davon befreite. ♦ ♦ . erhöht wutzdeZ Meyer lebte «hnenöen Sohne.. Vor etwa tsurch htn Tod entrissen, und endj .hid,ihä nun ein sanfter Eine untergehelwe Welt Gang durch die letzten Ghettos. Von Br. Marquardt, Pfarrer i«> Berlin-Friedenau. Unsere Zeit duldet keine Romantik, weder eine freiwilligenoch eine unfreiwillige. Was Wundi r, dah auch die in gewissem Sinne romantisch anmutenden Statt rn des „Ghettos", die altsn Judengassen und Iudenviertel mit. ihren engen, winkligen, geheimnisvollen^ Gassen und kleinen, düsteren, alten Häusern, jetzt immer mehr am Aussterben sind!. Sie'können der modernen, alles gleichmachenden Kultur nicht mehr stanühalten. Um so interessanter ist es, diese merkwürdigen Stätten, ehe sie ganz - verschwunden sind, noch einmal zu durchwandern und ihren seltsamen Geschichten nachzuforschen. Bemerkenswert ist zunächst, dah sowohl das Wort „Ghetto" als auch der damit verbundene Begriff gar nicht hebräischen Ursprungs sind, jedenfalls gibt es in der ganzen hebräischen Schriftsprache kein dementsprechendes Wort. Es ist also ein Fremdwort, wie auch der ganze Begr if des Ghettos ursprünglich dem Juden etwas Fremdes, ,Aufge,z«0ungenes war. Wohl soll es schon um 1099 in Venedig'ein „Ghetto" gegeben haben — an jener Stelle, die heute noch „Giude:ca" genannt wird, wahrscheinlich verdorben aus „Judaica", und vielleicht entstand daraus das Wort „Ghetto" —, in-welchem 1 >ie Juden in freiwillig gewählter Gemeinschaft in einer bestim inten Stadtgegend in herrlichen Palästen wohnten und ihrer besonderen Eigenart lebten, aber dabei in freundschaftlichem und-gesellschaftlichem Verkehr mit den Christen, also ein Zustand, der mit den späteren Ghettos nicht das mindeste gemein hatte. Denn was wir sonst unter „Ghetto" verstehen, sind streng abgesonderte und abae schlösse ne Judengassen und -viertel, die manchmal sogar mit Ketten umgeben und abends verriegelt und deren Einwohner mit strengck, Strafen bedroht wurden, wenn sie sih einmal verspäteten «uid ihre Wohnungen nicht rechtzeitig zu« vorgeschriebenen Stunde erreichten. Das Ghetto war also eine gewaltsame Konzentra tion, ein besseres Gefängnis. Solch« r Art war z. B. das berühmte und zugleich berüchtigte Ghetto, welches^Papst Paul IV. 1556 in Rom einrichtete, wo die zwangsweise zusammengetriebenen Juden sogar gezwungen waren, an ihren Sabdattagen in einer nahegelegenen Kirche eine Predigt zu hären, in der ihnen das Alte Testament nach katholischer Auslegung erklärt wurde. , j Wohl das bekannteste Ghztto, das auch heute noch in seiner Eigenart weiterbesteht, ist däs in Am sterdam, wo einst auch Baruch Spinoza, der grsttze jüdische Philosoph, in der Verbannung lebte und wo Rembrandt die Modelle für seine berühmten IudenKöpfe fand. Auch heute noch lohnt es sich, h er Studien zu treiben, besonders seit huich Meyrinks-Roman „Das grüne Gesicht" das Mystische und P oblematische des Ghettos wieder reizvoll geworden ist. Am ini eressantesten ist ein Gang durch das Ghetto am Sonntag, denn das ist hier der Hauptgeschäftstag. Da reiht sich Bude an L ude, uns Laden an Laden, und Tisch an Tisch, fliegende Händler an allen Erken, ein Leben und Treiben, wie auf dem gröhten Wochenmarkt. Die holländische Regierung hat nämlich merkwü:digerweise den Juden im Ghetto den Sonntag als Handelstag reigegeben, und klbst die vornehme Welt verschmäht es nicht, l ort gelegentlich ihre Einkäufe zu besorgen.'- Nachher aber liegt das Ghetto wieder still und stumm, wie in schwere, dumpfe Träume versunken, und gespenstischer Nebel steigt aus den träten Grachten und schmutzigen Kanälen. - Berühmter aber noch und auch hsstorisch interessanter war das alte, jetzt längst entschwundene Prager Ghetto mit seinen Geheimnissen, seinen angeblichen Lasiern und Verbrechen und vor allem der gespenstisch aufleuchten >en Gestalt, des „Golem", der alle dreiunddreitzig Jahre im al en Prag auftauchsn soll uttd dessen seelische Macht wie körperlich wirkt, wenn sie auch unsichtbar bleibt. Mit einer außerordentlich feinen Einfühlung — in diese einzigartige Atmosphäre und mit einer seltenen Ver trautheit mit dem Milieu des allen Prig hat Meyrink in seinem Roman „Der Golem" das alte Prager Ghetto geschildert mit seinen tausend Wundern und Schrecknissen, seiner unbegrenzten Phantastik und Mystik, seiner Symlolik und Unsterblichkeit, wovon ein Schimmer heute noch zu. sehen und zu -spüren ist. . . .„Daß irgendetwas, was nicht sterben kann, in diesem Stadtviertel sein Wesentreibt und damit zusammenhängt, des bin! j 387

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