Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 49 (29.11.1929)
- Date
- 1929-11-29
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Mick über die Grenzen Ein Blick über Deutschlands Grenze^ hinaus, nach udosten hin. zeigte in diesen Wochen! eine seltsame .-arallele mit Ereignissen in Deutschland:! in Wien und > ag haben Studenten demonstriert, mit großen Worten : ,d mit der Faust demonstriert, just wie in Berlin. Eigenrlig ist die es Zusammentreffen auch dann, wenn man;>d) erinnert^ daß besonders Wien durch d e ewigen Unihen an seiiner Universität schon seit geraumer Zeit eine naurige Berühmtheit erlangt hat. Abei noch etwas nderes fällt auf: das Opfer war in allenjdrei Städten : as gleiche: der Iude. Im Vorraum der Berliner alma mater haben junge whlmge, d«e akademische Hilsstruppe Hitlers, jüdische Kommilitonen verprügelt und aus dem Fenster geworfen. ~n Wien höhnen von Zeit zu Zeit ein paar Kollegs nicht :ottfinden, (veil völkische Iung-Akademikör sie stören, egen jüdisch^ Dozenten brutal demonstrieret und jüdische Studenten jählend davonjagen. Prag schließlich war jetzt er Schauplatz von wilden Studenten-Exzössen: an den ciden deutschen (!) Hochschulen, der Universität und >er Technischen Hochschule, wandte sich die Wut der völnischen Studentenschaft, die für bessere'Lertibedingungen eine Kundgebung veranstaltete, sehr schnell gegen die Juden; mit dem Knüppel, ja mit Baumstämmen gegen oie Türen bcfc Unioersitätsinstitute haben die Helden ihre Weltanschauung bekundet. Das Ergebnis svar also bei den Ausschreitungen in allen drei Städten dasselbe: wilde Iudenhatz. Die Ursachen jedoch waren verschieden. Die preußische und darüber hinaus die gesamtdeutsche Studentenschaft steht in heißem Kampf gegen den Kultusminister Becker. Wir wollen uns nicht darüber täuschen, daß es tatsächlich fast die gesamte Studentenschaft ist, ausgenommen nur die paar freiheitlichen Korporationen, die Idemokratischen, sozialistischen! Bünde und wenige andeve. Der Kampf geht um die Anerkennung der völkischen „Deutschen Studentenschaft".! die verweigert wird. So ist das Verhältnis zu den Behörden kein gutes. Und als der Berliner Rektor die Ankündigung des Privatbcjlles der „Deutschen Studentenschaft" als ..UniversitätsVall" untersagt, wird Radau geschlagen. Nicht nur Radau, 4auch die andersdenkenden Kommilitonen werden gefchlbgen. Zuerst: die Juden. Das ist Hitlers -aat und Go ibbels' „Geist".! In Prag geht es um anderes. Ta firtp die Raumverhältnisse on den Hochschulen denkbar traurig. Wo ———■—■ Sechs Juden int Parlament der Tschechoslowakei Heute läßt isich ein klares Bild über das Resultat der Par-!amentswahl in der Tschechoslowakei gewinnen. Aus die Polnischjüdische Liste wurden insgesamt 102 694 Stimmen abgegeben. Bei den Parlämentswahlen des Jahres 1925 Entfielen auf indische Listen )15 288 Stimmen. Berücksichtigt man, daß von ^en erwähnten 102 694 Stimmen etwa 25 000 polnische Stimmen ubzuziehen sindj so ergibt sich gegenüber 1925 ein Minus von > ehr als 37 000. Stimmen. Als gewählt erscheinen diesmal von uüischer Seite auf Grund der Liste Dr. Ludwig Singer-Prag und Dr. Fulius Reijlz-Bratiflava. Auf den Listen nichtjüdischer Parteien wurden! die folgenden juden in das Parlament gewählt: der ehemalige tsckechosl. Iustiznnister Dr. Hsred Meißner (tschech. Sozialdemokrat). Robert ulcin (tschech. Sozialdemokrat). Hugo Bergmann mschech. Ratioalsozialist), Senator Jakob Polach ldeütschet Sozialdemokrat). Bei den Wahlen in den Senat konnte die Polnisch-Jüdische .isle. die freilich nur in wenigen Wahlkreisen ausgestellt war, iiit 27 823 Stimmen kein Mandat erringen. Dr. Ludwig Singer, der 1876 in Kolin gebärest ivurde, war mehrere Jahres Vorsitzender des zionistischen Distriktskomitees iiit Böhmen. 1818 verhandelte er mit der tschechoslowakischen Regierung über die Rechtslage und die Sicherheit d^r Juden. Seit 0er 1918 erfolgven Gründung des jüdischen Rationalrats für die "schechoflowakes ist er dessen Präsident. Als Mitglied des Komiices der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz verhandelte er 1919 in Paris mit dem Minister Benesch über die Regelung der Fraae der jüdischen Minoritäten in! der Tschechoslowakei. was schließlich zur Anerkennung der jüdischen Nation!» der Derfassustg der CSR. führte. Dr. Singer ist auch an führender Stelle ich jüdischen Fürsorgewesen tätig. | I 150 Hörer gerade noch sitzen höhnen, müssen 1700 in drei Schichten untergebracht werden^ Das ist so an den Hochschulen beider Nationalitäten, den tschechischen und den deutschen. Man begreift es wohl, daß die Studenten versuchen bessere Studienmöglichkeiten vom Ministerium zu erlangen: selbst die Forderung, unter diesen besonderen— Umständen vorläufig den Auslc nderzustrom in die Hörsäle einzudämmen, ist verständlich. Aber der wilde Krieg gegen gleichberechtigte jüdische Staatsbürger ist eine Schande für die Prager! »rutschen Studenten, die den Tschechen das böse Beispiel gaben; eine Schande für Prag, wie die Berliner Exzesse eine Schande für Berlin waren. In Wien bedarf es keines besonderen Anlasses, um Pogrome an der Universität zu! entfesseln. Da ist die frisch-fröhliche Studentenschar immer zu solchem Zeitvertreib aufgelegt. Und in die Empörung über solches Betragen mischt sich bei dem ruligen Betrachter die leise Frage, ob es sehr erstrebenswe ct wäre, wenn einmal durch das Niederreißen der Staatsgrenzen unsere völkischen Rowdys so starken Zuzug aus Oesterreich bekämen. Gewiß: diese- Erwägung darf nicht ausschlaggebend für politische Entscheidungen sein, die Europa umgestalten: aber wir wissen, daß schon heute viele Anschlußgegner die Vereinigung Deutschlands mit Oesterreich deshalb ablehnen, weil sie der Ansicht sind, es gebe bei uns im Reich schon Rüpel genug? Wolfgany Käri'll. Berlin als die Gebnrlsstabt der endgültigen Indenemanzipa-lon Don Bi W. Segel (Schluß.) Noch viele Jahre nachher schrieb Narcisse Leven: „Das Werk des Berliner Kongrejstes war bedeutend: Er hatte die von der französischen Revolution durch die Erklärung der Menschenrechte aufgestellten Prinzipien in das Völkerrecht eingeführt; das vereinte Europa hatte sie anerkannt. Rußland hatte Furcht, sich außerhalb der zivilisierten Nationen zu stellen und brachte diesem Prinzip schließlich seine Huldigung dar. Es war also erreicht worden, daß diese Prinzipien durch den Willen von Europa zur Grundlage des öffentlichen Rechtes in den neuen Staaten gemacht wurden und für die anderen zur Bedingung ihrer Unabhängigkeit, Das war eine Wohltat für alle Völker, für das Judentum aber ein einzig dastehender Akt in seiner Geschichte, die feierliche Magna Charta seiner Befreiung. Fünfzehn Jahre der Anstrengungen und der ausdauernden Kämpfe hatten nun ihre Belohnung gef u n d e n." Als Lord Beaconsfield. gekrÄit von dem größten Triumph seines ruhmreichen Lebens, von dLm Kongreß heimkehrend in London eintraf, gereichte es ihm zum Stolz, daß zu seiner Begrüßung sich auch der fünfundneunzigjährige, in ganz England wie ein biblischer Patriarch verehrte MosesMontefiore einfand und ihm die Hand drückte, zum Dank für seine Bemühungen um die Befreiung seiner Stammergenossen in Rumänien. Die Anglo?Iewish Association in London beauftragte ihren Obmann, Julian Goldschmid, an die Vertreter Großbritanniens auf dem Kongreß eine Dankadresse zu richten „für das Zugeständnis der völligen Freiheit, welche für die Juden in Rumänien und in Serbien in Anspruch genommen und sichergestellt werden". An den Baron Lionel Rothschild, „der in erster Linie beigetragen, den Kongreß von der unglücklichen Lage der Juden in Rumänien und Serbien in Kenntnis zu setzen, wurde außerdem noch „ein besonderes Zeichen der Anerkennung" gerichtet. Am 12. Juli richtete der Vorstand der BerlinerjüdischenGeme indem seinem Namen und —^ 389