Mannheim
Compact Memory

Der Schild · 1929-11-22 · 48 (22.11.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
48 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4911661-5448526-5449149--2425-4913813
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

IW ttt Das Knegserlebnis eines Thorafchmuckes Bor Kurzem hat ein langwieriger Prozeß zwischen der rvlinschen Liquidationskommission und dem österreichischen Staat seinen Abschluß gefunden, durch welchen die jüdische Kultusgc.neinüe in Brody wieder in den Besitz if>res. wertvollsten Thorafchmuckes, der unter dem Namen die „Kanskrone" be- »onnt ist, gelangt ist. Die Karlskrone aus der Brodyer Synaiu c hat eine recht romantische Kriegsgeschichte. Es war im Jahre 1816, der Weltkrieg hatte seinen Höhet'ui.lit erreicht, die Stadt Brody wurde eben von den im Rückzug! ...risfenen russischen Truppen evakuiert. Nicht weit von Brody t!>ernt stand die österreichisch-russische Front. Bühm- E r in o l i war Kommandant der Zweiten Armee, welcher be-!: mutlich fast der gesamte österreichische und ungarische Adel ..«geteilt war. Stadtkommandant von Brody war der Inhaber hes vierzehnten Husarenregiments, von Kundegraber. Auch der Platzkcmmandant war ein Mitglied des hohen Adels; i.ine Frau, die e nstige Erzieherin des Thronfolgers und späteren «aiscrs Karl, war Leiterin des im jüdischen Spital unter- , /brachten Feldspitals. Eines Tages erschien in der Kanzlei der «jüdischen Gemeinde i-: Offiziersdiener beim Gemeindesekretär Holzsäger und c« suchte ihn, auf die Straße zu kommen, wo, zwei Offiziere ihn sprechen wünschten. Nur ungern folgte! der Sekretär der Aufforderung. Als er dann doch auf die Straße ging, warteten dort zwei Herren auf ihn, ein Offizier und ein Mann in Uni- >orm mit den Intelligenzstreifen mit dem Aufdruck „Kunst". Ter letztere stellte sich als Kriegsmaier Profrffor Adams vor. Ter Offizier teilte hierauf Sekretär Holzspger mit, daß am selben Abend dit Ankunft des auf einer Inspektionsreise befindlichen Thronfolgers Erzherzog Karl erwartet werde, dem zu Ehren im Sokolfaal ein feierlicher Empfang bereitet werden solle. Das Empfangskomitee befinde sich wegen der Tekorietung des Saales in großer Verlegenheit, und da den Offizieren bekannt fei, daß die Brodyer Synagogen über viele wertvolle Synagvgengeräte aus Edelmetall sowie zahlreiche!::instvoll gearbeitete Vorhänge und Decken verfügten, stellen sie an die jüdische Gemeinde das Ersuchen, einige dieser Gegenstände ':ir die Dekorierung des Sokoisaales zum Empfang des Thronfolgers herzuleihen. Der Gemeindesekretär gab seine Zustimmung und bat die ' 'fiziere, ihm in die große Brodyer Synagoge zu folgen. Ter Tempel bot damals einen recht traurigen Anblick. Kein wertolicr Vorhang, keine Tischdecke auf dem Almemor und auch ■ tue der teuren silbernen Geräte waren zu sehen. Der Sekretär klärte dies freimütig damit, daß die Gemeinde, als die In- ’iion der Kosaken beoorstand, alle wertvollen Kultgegenstände »i einer Kassette unter der Diele der Synagoge vergraben ließ, " sie vor den Plünderungen der Russen zu sichern. Nun wurde >e Kassette wieder ausgegraben. Tie österreichischen Offiziere .niden sprachlos da, als sie dieser unschätzbaren Gegenstände sichtig wurden. Unter den verschiedenen silber- und gold- -'tickten Vorhängen fiel ganz besonders die für den Almemor stimmte Tischdecke auf. die unter dem Namen „Kardinalsainel" in der Schatzkammer der Gemeinde gehütet wird. Es ' das Geschenk 'eines Kardinals fein, der vor mehreren Iahriderten auf diese Weise seine Freundschaft für die Juden uindet habe und den Wunsch äußerte, daß aus diesem Mantel e Decke für jeqen Tisch verwendet werden solle, auf welchem Thora zur Verlesung gebracht wird und die heiligen Akte Gottesdienste^ vollzogen werden.!( Die Offiziere > wählten die schönsten Stücke, darunter auch t herrliche Thorsakrone, für die Dekorierung des Sokoisaales 3, und nun handelte es sich darum, diese Gegenstände auch «bemerkt zum Fchtsaal zu bringen. Da verfiel Sekretär H o l Z s ä g e r auf eine originelle Idee, lud die gewähren Gegenstände auf eine Totenbahre, bedeckte mit dem schwarzen Bahrtuch und schaffte sie mit Hilfe seines 'ruders an den Bestimmungsort. In der Stadt dachte man i .cht anders, alsbaß der Sekretär mit seinem Bruder eine rme Leiche" auf den Friedhof schaffe, und so gelangten die Arenen Dekorationsstückes aus der Brodyer Synagoge-in den Tokolsaal. Der Empfang sehr gehobener '-erzog Karl Eercle, syrischen Gemeind« durch die SRuffeninpi sprechen gab, daß für den Thronfolger an jenem Abend verlief Stimmung. Nach dem Bankett hielt Erz- , im Verlaufe dessen er den Vertreter der über den Schaden, den die Juden der Stadt asion erlitten haben, befragte und das Ver- )er Schaden gutgemacht werden würde. Der Thronfolger besichtigte nun die einzelnen Dekorationsstücke und blieb wie gebannt vor der herrlichen Thorakrone stehen. Lange betrachtete er dieses seltene Kunstwerk und meinte schließlich, als er erfuhr, daß es von der jüdischen Gemeinde beigestellt wurde: „Die Krone ist ein prachtvolles Stück. Sie gefällt mir außerordentlich, ihr Platz wäre eigentlich im Wiener Hyfmufeum." Die anwesenden Vertreter der Iudengemeinde blieben wie versteinert, als sie diesen befehlsartigen Wunsch des Thronfolgers vernahmen. Bald danach wurde eine Kiste unter besonderen Schutzmaßnahmen von Brody nach Wien befördert. In der Kiste befand sich wohl auch eine herrliche Thorakrone, aber es war > nicht diejenige, welche im Sokolfaal zur Dekoration für den Empfang des Thronfolgers gedient hatte. Diese war als ein nicht nur wertvoller und ckunsthistorifch seltener Gegenstand, sondern auch als historische Reliquie für die jüdische Gemeinde von so großer Bedeutung, daß sich die Vertreter der.Gemeinde nicht von ihr lossagen wollten, und so beschlossen sie, dem Wunsche des Thronfolgers wohl zu entspreche»«, indem sie eine i» der Ausführung und im Wert gleichfalls kaum abzufchätzende Thorakrone ans Hofmuseum in Wien beförderten, die andere jedoch wieder in Sicherheit brachten. Hosrat Schlosser vom Hosmuseum erkannte wohl sofort, daß er nicht das richtige Stück erhalten habe, aber auch dieses Kunstwerk hat am Hof große Bewunderung hervorgerufen, was^fchoir aus dem folgenden Dankbrief ersichtlich ist: ,. „K. K. Statthalterei in Brody. Z. 13. 497/1916, den 4- Juni 1916. — An den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde . l in Brody! Auf Wunsch Seiner kaiserlich und königlichen Hoheit übersandte die Verwaltung det israelitischen Kultusgemeinde in Brody dem Hosmuseum Kaiser Franz Josefs eine silberne Thorakrone. Seine kaiserliche Majestät Kaiser Franz Josef j befahl, dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Brody für dieses den Sammlungep des Monarchen gewidmete Geschenk den Dank auszusprechen, wovon die Statthalterei in Brody den Kultusvorstand hiermit in Kenntnis fetzt." sUnIerschrift unleserlich!) > Im Jahre 1918 begann eine Liquidationskommission. die Verbandlungen wegen Herausgabe allerKunstgegenstände und wertvollen Güter, die aus Polen stammten und sich im Besitz der früheren Herrscher im Auslande befänden. Als später in der „Krakauer illustrierten Zeitung" ein Artikel des Rektors der Krakauer Akademie für bildende Künste, Graf M i c i e l s k i. sich mit der im Wiener Hosmuseum befindlichen Thorakrone der Brodyer Synagoge, die durch ein silbernes Schildchen als Geschenk der Juden von Brody an das Hofmuseum gekennzeichnet ist. eingehend'befaßte, und den Seltenheils- und Kunstwert dieses Stückes auseinandersetzt», wandte sich die Vertretung der Brodyer Kultusgemeinde an die polnische Liquidationskommission mit dem Ersuchen, unter anderen zurückzustellenden Kunstgegenständen auch die Herausgabe der Thorakrone der Brodyer Synagoge auszusprechen. Seltsamerweise versuchte die polnische Liquidationskommission sich diese Sache vom Halse zu schütteln. Aber sowohl die eindringliche Mahnung der Kunsthistoriker, als auch die unausgesetzten Interventionen des Kultuspräsidiums von Brody bewogen schließlich die Liquidationskommission, die Rücksendung der Thorakrone an die Brodyer Iudengemeinde ernster zu betreiben. - Und als schließlich die Thorakrone freibekommen werden konnte, verlangte die polnische Liquidationskommission, daß die jüdische Gemeinde von Brody die Kosten der Transportversiche rung des „unschätzbaren Wertes" selbst trage. Es handelte sich um eine riesige Versicherungsprämie, die durch die Spende eines in Berlin lebenden reichen Juden aus Brody aufgebracht wutde. Vor einiger Zeit nun konnte der Sohn des Brodyer Rabbiners Steinberg diese nunmehr auch kriegshistorisch berühmt gewordene Thorakrone, die jetzt unter dem Namen-„Karlskrone" bekannt ist, unversehrt in die Synagoge von Brody zurück bringen. l..Die Neue Welt."> Die Feier des Iiibisch.cheologischen Seminars in Breslau Der Vortrag von Dr. Hcinemann über den wir im „Schild" berichtet haben, wird demnächst im Druck erskheinen. 379 i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.