Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 46/47 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeuge!" so rufen sie vorwurfsvoll unseren irregeleiteten deutschen Brüdern entgegen. „Dieser u»ser Stein ist Zeuge", daß Treue, Opferwilligkeit, Heimatliebe nicht Eigenschaften einer bestimmten Rasse, eines bestimmten Volkes, eines bestimmten Glaubens sind, sondern daß sie das Kennzeichen jeder wahrhaft großen und freien Menschenseele bilden. „Dieser unser Stein ist Zeuge , daß man nicht durch Haß, sondern durch stille opferwillige Taten der Liebe und der Versöhnung ein Mensch, ein Deutscher wird. In diesem Jahre vereint sich unser gesamtes deutsches Volk in ehrfürchtiger Huldigung jener beiden deutschen Männer: Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn, jener beiden Männer, die so verschieden waren in der Abstammung, verschieden im Glauben, und dennoch einig in der Liebe zum deutschen Geist, einig durch ein mutiges, starkes Leben, einig in der Frömmigkeit vor Gott. Beide Männer haben ihr Lebtag kein höheres Ziel gekannt, als ihr deutsches Volk, nein, die ganze Menschheit den Geist der Toleranz zu lehren, nicht jener falschen Toleranz, die in überheblichem Stolz mitleidig und geringschätzig auf die vermeintlich niedere Anschauung Andersgesinnter herabblickt, sondern jene echte Toleranz des wahren Menschen, der, weil er selbst von Ehrfurcht erfüllt ist, auch wahre Ehrfurcht der anders gerichteten Ueberzeugung entgegenbringt. Weil diese beiden Männer diese echte Toleranz nicht nür l e h r t e n. sondern lebten, darum meinen wir. können wir > diese Feierstunde nicht besser beschließen al» mit eine'- Worte, das ,eder dieser beiden Denker uns entgegenruft. Lessing dies« mutige, unerschrockene Kämpfer, wirst in unser von kofesstönellem Hader zerrissenes deutsches Volk die vorwurfsvoll: S: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude a t)?“; und Moses Mendelssohn, dieser fülle, ruhige Man : zu uns mit ernster Mahnung: „Es ist unser aller nic würdig, daß wir öffentlich gegeneinander auftreten." Wir fühlen, diese Frage und diese Mahnung, sie sind nia nur l die Worte eines wahrhaft deutschen Christen und eine wahrhaft deutschen Juden, sondern es ist die Botschaft, die unser Totein uns entbieten, zu deren Gedächtnis wir uns hier ver sammelt haben. Tragen wir den Geist dieser Botschaft hinau in die Weit, lassen nur diesen Geist draußen in unserem Beruf in unserer Familie, im Staate Wirklichkeit werden, und wir werden den Namen Deutsche uns verdienen, wir werden zu der äuß«en Befreiung unseres deutschen Vaterlandes, die jetzt eng lich bort drüben am Rhein ihren Anfang nimmt, die wahre, die innere Befreiung hinzufügen, werden wert werden derer, um die wir trauern, die gestorben sind, nein, die leben, leben in unseren Herzen, leben dort droben, bei Gott, geborgen im Geheimnis der Ewigkeit ..." , Das Soldatenlied Von Kam. Dr. Walter i Professor an der Haml Wer das Wesen des Soldatenliedes begreifen will, der mag zu Sammlungen und Büchern greifen und in Konzerte gehen, er wird es nicht fassen und verstehen. 35a, gibt es hundert Sinnlosigkeiten und Ungereimtheiten, unverständliche Texte, andere, die zusammengewürfelt sind aus verschiedenen Liedern, endlose Wiederholungen sinnloser Silbenl Man muß es erfassen, draußen im lebendigen Gebrauch, dann geht einem ein Licht auf über alle feine Eigentümlichkeiten. So ist mir eine Nacht im Jahre 1916 des Weltkrieges zum Erlebnis geworden, weil sich mir alles, was ich bis dahin vom Soldatenlied wußte und gelesen hatte, zusammenschloß zu eindringlicher Erkenntnis seines Wesens. Wer lange Wanderungen und Märsche mitgemacht hat, der weiß, warum wir abgerackerten Feldgrauen auf jenem Nachtmarsche sangen: der taktfeste Gesang belebt die Kräfte, erleichtert die Mühsal des stundenlangen Gehens auf der Landstraße, schafft Gleichtritt und Zusammenhalt. Solcher Marsch ist eine Art Arbeit. Zwischen Lied und Arbeit besteht durch die Jahrtausende hindurch ein inniger Zusammenhang. Auf vielen Arbeitsstätten, wo schwere körperliche Gruppenarbeit geleistet wird, kann man taktgebende Arbeitsrufe hören. Sie sind Keime von Arbeitsliedern. So gibt es nicht nur Marsch- und Wanderlieder, sondern auch Lieder zum Schmieden und zum Weben, zum Rudern und zum Dreschen u. v. a. Der Takt schafft Gleichmaß der Bewegung und damit Arbeitsersparnis. Belebend ober würde nicht ein völlig gleichmäßiger Hammerschlag wirken, belebend wirkt die wechselnde Melodie, die über die einzelnen Takte hinousreicht. In der Melodie erfassen wir das zweite Element des Soldatenliedes. Die Volkssprache ist karg, sehr karg im Ausdruck des Gemütes, des inneren Lebens. Ist aber die Sprache karg, so entlädt sich die Seele doch in Tönen. Es gibt Volkslieder ohne Worte. Die Juchzer und Jodler, die in den Bergen erklingen, sind Beispiele solch köstlicher Melodien ohne jegliche Worte. Bald werden sie im Uebermut in die sonnige Welt hinausgeschleudert, bald klingen sie wehmütig durch die Abenddämmerung oder klagend durch die Rächt. Lieder sind Seelensprache wortkarger Menschen, eine Sprache, die zu Herzen dringt, wie sie von Herzen kommt, eindeutig, unmißverständlich. I Run haben die meisten unserer Volkslieder ja Worte, köstliche Worte oft, aber ebensooft sind die Worte nur Haltepunkte für die Seelensprache der Melodie. Wir begreifen, daß auf die Worte nicht soviel ankommt, daß Lied« bis zur Unverständlichkeit zersungen werden können in mündlicher Ueberlieferung und doch erhalten bleiben. Der Text des Liede» „O Deutfchland hoch in Ehren" ist tönerne Rhetorik, durchaus nicht volkstümlich, aber in der Melodie gibt es Strecken von köstlich befreiender trutziger Kraft unid Schönheit. Um ihretwillen hat es sich durchgesetzt. Ist aber dem Volke der Text gar zu fremd und widrig, dann setzt es einen anderen an seine Stelle. 364 l. Berendsohn-Hamburg. urgischen Universität. Ein vielgesungenes Marfchlied fängt an: Wie ein stolzer Adler Schwingt sich auf das Lied, . . Das die Seele mächtig Auf zum Himmel zieht. Die weiteren Textstrophen sind längst vergessen, und das mit Recht, und sind ersetzt durch folgende: . In Hamburg an der Elbe I! Da schwimmt ein Krokodil. Es wackelt mit dem Schwänze, Es weiß nicht, was es will. Eine alte Frau Weiß es ganz genau, Was das Krokodil mit dem Schwänze will. Unsere Katz hat Junge, Sieben an der Zahl, Sechs davon sind Hunde. Ist das nicht ein Skandal? Und der Kater spricht: Die ernähr ich nicht! Lieber solch blühenden Unsinn singen, als sich falschem Pathos und weichlicher Sentimentalität hingeben, ist die Losung des Soldaten. Das Soldatenlied ist kein Gedicht, das deklamiert werden soll, es muß gesungen werden, als Einheit von Takt, Melodie und Sprache, wobei die Worte die geringste Bedeutung haben. Gewiß gibt es eine Fülle herrlicher Volkslied«, bei denen alle Elemente zusammenklingen zu. schlichter, inniger Harmonie, die also auch lauterste Poesie sind. Sie stammen zum Teil von Dichtern der Oberschicht, deren Namen wir kennen, zum Teil von begabten Menschenkindern, deren Namen wir nicht erfahren. Das „Heideröslein" wird heute in Goethe» Fassung gesungen, die „Loreleo" in Heines. Bel „Köln am Rhein, du schönes Städtchen" heißt es zum Schluß: Wer hat dies schöne Lied gesungen. Wer hat dies schöne Lied erdacht^ Zwei Schusterjungen, die haben» gesungen Zu Köln am Rhein beim Mondenschein. Aber wer auch immer Weise und Worte gefunden haben mag, allen Volksliedern, die sich in mündlich« Ueberlieferung erhallen, ist gemeinsam, daß sie die schlichten, ewig wiederkehrenden menschlichen Erlebnisse gestalten, Mutterliebe und -leid, die Liebe zwischen den Geschlechtern in Glück und Schmerz. Treue und Untreue, Zartheit und Derbheit, dazu Freund- und Kam«adschaft, lachende Lebensfreude und Bitternis des Todes, tiefste Liebe zur Heimat und fromme Ergriffenheit. La ist-Sache t>« Buchdichtung. tausend verzweigte Einzelheiten de» persönlichsten seelischen Leben» in lyrischen Gebilden und ausziselierter Prosa darzustellen. Das Volkslied gibt sprunghaft eine starke