Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 46/47 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4911661-5448526-5449147--2407-4913796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r1 ‘ Die ju6en im Uriege Eine statistische Studie von Kam. Dr. llrias-Hamburg Vorsitzender der C|rtsgruppe Hamburg und des Landesverbandes Nordwestdeutschland. Zur Feier des zehnjährigen Bestehens unseres Bundes in Hamburg empfanden wir es als unsere Pflicht, eine Lücke auszufüllen. die noch in der Statistik für die Kriegsteilnahme der deutschen Juden offen geblieben ist. Tos bedeutsame Werk von Legal!,ij die .Bibel des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten", konnte seinerzeit die Zahlen für drei Gebietsteile nicht ermitteln, — für die abgetretenen Gebiete wie Provinz Posen und Elsaß- Lothringen aus begreiflichen Gründen — unh für Hamburg... In einer besonderen Festschrift ist der Versuch gemacht, diese Säumnis für Hamburg nachzuholen. Daß die Zahlen damals dem Ausschuß für Kriegsstatistik nicht erbracht werden konnten, wird zunächst mit der damaligen Struktur der Hamburger Deutsch- Fsraelitischen Gemeinde erklärt. Diese war damals noch eine sogenannte .freiwillige" Gemeinde, d. h. man brauchte ihr nicht anzugehören, brauchte sich nicht bei ihr zu melden. Viele in Hamburg lebende Juden konnten daher zu einer Zählung gar nicht erfaßt werden. Dennoch hat man eine Zahlung der Kriegsteilnehmer kurz nach dem Kriege 1919, 26 auch in Hämburg versucht. Aber selpst. wenn die etwa 3000 Fragebogen sorgfältig ausgefüllt zurückgekommen wären, wie fif nicht kamen, so wäre doch eine erschöpfende Statistik aus den vorstehenden Gründen nie zu gewinnen gewesen. Darum verfolgte man nach mehrmaligen Versuchen nachzufassen, den Plan nicht weiter, wurde auch durch die niancherlei Wirren und Sorgen der damaligen Zeit daran gehindert. Durch sorgfältige Zusammenstellung und Nachprüfung aus mehreren Listen konnte wenigstens eine Zahl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ennittelt werden, die Zahl der gefallenen jüdische» Hamburger. Auf dieser Zahl baut fick die statistische Untersuchung auf. Wer das in den letzten Fahren erschienene reichhaltige statistische Material durchprift. kommt zu der Feststellung, daß bestimmte Zahlen für ähnlich aufgebaute Bevölkerungsgruppen immer wiederkehren. So steht der Anteilsatz der Kriegsteilnehmer einer Gruppe einerseits und der Anteilfatz der Toten zu der Zahl der Kriegsteilnehmer in einem bestimmten zahlenmäßigen Verhältnis. Dabei geben die Zahlen für das Gesamt Reich verhältnismäßig hohe Ziffern, weil hier ja alle Gruppen mit all ihren Schicksalen und teilweise außerordentlich hohen Opfern als wertbildende Faktoren enthalten stad. Dagegen wirkt sich in den einzelnen Ländern und Gruppen wiederum das retardierende Moment des besonderen Schicksals, der besonderen Struktur u. dgl. sofort aus. So kann man etwa annehmlen. daß die Gefallenen 1/7,5 aller Kriegsteilnehmer betragen, oder umgekehrt schließen, daß.die Zahl der Kriegsteilnehmer einer Gruppe etwa das I^fache »der Zahl der Gefallenen beträgt. Selbswerständlich kommt mamdamit zunächst nur zu rohen Zahlen, die dann nach anderen feststehenden Verhältnissätzen sich berichtigen lassen. Tie Zahl der gefallenen jüdischen Hamburger nach Abzug aller Zweifelsfälle ist -157. Von dieser Zahl ausgehend würde man mit dem Satz von 7.5 zu einer Zahl von etwa 3100 jüdischen Kriegsteilnehmern gelangen. Bei einer Grundmasse von etwa 18500 Juden in Hamburg würde dies etwa 17% entsprechen. Nimmt man den von Legal! für die jüdische Gesamtbevölkerung ermittelten Turchschnittsfatz von 15,6$?» an Kriegsteilnehmern, so ergibt sich nur eine Zahl von etwa 2800 Kriegsteilnehmern Legt man aber fürsorglich den kleinsten für Großstädte ähnlicher Struktur swie Groh-Berlinf oder für Bundesstaäten bzw. Länder gleicher Art fwie Bremen oder Lübecks festgestellten Satz von 13.77?»- zugrunde, so würden nur etwa 2550 jüdische Kriegsteilnehmer für Hamburg in Frage kommen. . In allen drei Fällen ist die festgestellte Zahl der TSefallenen aber bedeutsam. Sie deutet bei 3100 Kriegsteilnehmern auf 14 7% der Kriegsteilnehmer, bei 2800 Kriegsteilnehmern auf über 16% und bei 2550 auf gar 18%, würde die für das Reich festgestellte Turchschnittsziffer für den Anteil der Zahl der Gefallenen an der Zahl aller Kriegsteilnehmer von 13,49%, also in jedem Falle nicht unerheblich überschreiten. Eine zweite Probe für die innere Wahrscheinlichkeit der gewonnenen Ergebnisse wird alsdann durch den Vergleich mit Zahlen für einzelne jüdische Gruppen ähnlicher Struktur versucht. Ta ergibt sich ähnliches^ Von etwa 600 reichsdeutfchen indischen Einwohnern Lübecks sind 106 Kriegsteilnehmer 17.6%, lote 1;» bzw. 17 — 2,5 bis 3?» der Gesamtgemeinde und zwischet? 'i Tr. Jacob S e g a l l. Tie deutscken Fuden als Soldaten im Weltkriege 1914—18 (Berlin 1922, Philo-Verlags. 14,3 und gar 18% der jüdischen Kriegsteilnehmer. Die Gesami teilnehmerzahl im Berhältnis zur Gesamtgruppe ist etwa; unter, die Anteilziffer der Gefallenen an der Kriegsteilnehmer zahl teilweise erheblich über dem Durchschnittssatz der Reichs bevölkerung. So auch bei Bremen (jüdische Einwohner 1300> Kriegsteilnehmer etwa 190 — 14,6%, Tote 28 — 2.2% der Ge samtgemeinde. 14.7% der Kriegsteilnehmer und bei Banern'i und Württembergs) Eine Besonderheit wird aus einer am'Schlusse unserer Ar beit getroffenen Gegenüberstellung des Altersaufbaus der Ham burger männlichen Gesamtbevölkerung zu dem aus dem Alters aufbau der weiblichen jüdischen Bevölkerung gewonnenen Alters aufbau der männlichen jüdischen Bevölkerung Hamburgs ge ivonnen. Beide stellen wehrfähige Männer im Alter zwischen 15 bzw. 17 und 50 Jahren 26% Hamburg Gesamt: ca. 284 000! Hamburg jüd. Männer 5500 Wehrfähige auf etwa 1 100 000 abzügl. Ausländer 700 — 1800 Einwohner ca. 26%. : auf etwa 18 500 — ca. 26%. Der Satz der Gefallenen für Hamburg in bezug auf seine Ge samtbevölkerung errechnet sich auf 15 bis 15,5%. der für die jü dischen Kriegsteilnehmer Hamburgs in bezug auf die Gesamtzahl der reichsdeutfchen jüdischen Einwohner Hamburgs auf 15 9%. Aus diesen Zahlen läßt sich auch aus das Schicksal schließen ' Alle Gründe, die Segasl bei der Würdigung der von ihm gewon nenen Zahlen anführt, gelten auch hier. Auch die jüdische Gesamt gruppe Hamburgs stellt einen nur ganz gering niedrigeren Satz an Kriegsteilnehmern als die Gesamtbevölkerung Hamburgs. Aber die Hamburger Fuden, die zum Kriegsdienst einge,zogen sind, haben um ein Erhebliches mehr an Blutopfern gebracht als es — wie es stets so schändlich ausgedrückt wird — „ihrem Anteil ent spricht". Mit dieser Erkenntnis reiht sich das gewonnene Er gebnss der späten statistischen Untersuchung für Hamburg ein in das Arsenal der Wahrheitswaffen gegen die schändliche Lüge unserer Hasser, und dürfte zugleich ein neues Ehrenmal für unsere toten Kameraden sein — wert, aus Anlaß einer ernste» Feier des Gedenkens vor aller Welt errichtet zu werden. ** Ich halt' einen Kameraden u Von Kam. Rechtsanwalt u. Notar L. Facobfohn-Lübeck. Stellv. Vors, des Landesverbandes Nordwestdeutschland Breitestes Pflichtgefühl und aus dem Innersten quellende Opferwilligkeit ließen in den Jahren des Weltkrieges den deutschen Juden hoffen, daß die Zukunft ihm und seinen Kindern mehr als papierenes Recht zuerkennen würde. In den Beziehungen der l Frontsoldaten von Mensch zu Mensch offenbarte sich ehrliche, rückhaltslose Kameradschaft. Die Nachkriegszeit wandte sich gegen uns: „Frontgeist" vergaß und befestigte, politische Macht erstrebend, die wankend gewordene Trennungsmauer. Als dann der Antisemitismus uns als Frontsoldaten verleugnete und verleumdete. mußten wir als Zeugen der Wahrheit uns zu lauteni a.zusammenzuschließen, denn wir wurden in der Seele gedurch die groteske Entwicklung, daß unsere treue Plicht erfüllüng und damit die Betätigung unserer innersten Verbundenheit mit allem deutschen Erleben in das Gegenteil verkehrt wurde. In dem der deutschen Iudenheit ausgenötigten Abwehrkamps um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit fällt so dem FrontbunS eine Sonderausgabe zu, für die eine eigene Organisation erforderlich war und bleibt. Freilich wird mit den-Letzten von uns sich diese Sonderausgabe erschöpfen im Gegensatz zu den anderen Frontkämpfer-Vereinigungen, die die Jugend für ihre Ziele an sich ziehen. 2jMr sind ^berufen, die geschichtliche Wahrheit zu bekunden, gegenüber der antisemitischen Verhetzung in Erinnerung zu bringen, tvie es anders war. als alle Deutschen im gleichen Schritt und Tritt marschierten und Schulter an Schulter kämpften und 2s Vgl. Dr. A. E ck st e i n - Bamberg. ..Haben die Juden in Bayern ein Heimatrecht?" (Berlin 1929, Philo-Derlag.s 2s Vgl. .Jüdische Frontsoldaten aus Württemberg und Hohen zollern." (Stuttgart 1926.) 362 I