Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Verein als sie i8ebnvtsstadt dev endgültigen Iudenenranzipation Bon V. W. Segel (Fsrtsetzung.) Man sieht, vor den Juden von^ganz Osteuropa er- : jneten sich damals die weitesten Horizonte. Sogar die iden Rußlands sollten die Freiheit erhalte n. Daß der Kongreß sie den rumänischen unweigerlich bri igen würde. >ir über jeden Zweifel erhaben. Ganz Eurojpa hatte die Piche der Juden zu der ihrigen gemacht. Die Iudehfrage stand zum ersten Male am 24. Juni uf der Tagesordnung des Kongresses. Die geschichtliche Äahrheit erfordert, festzustellen, daß Deutschlands und Frankreichs Bevollmächtigte im Verein erergisch und warmherzig für die Gleichberechtigung der Juden eingeireten sind. Bismarck zeigte sich auch hierin als unvergleichlicher Nfeister in der Führung der Debatte und ivußte die einzigen Gegner, nämlich die russischen Deleüerten, elegant in die Enge zu treiben. Den Anstoß gab Ä a d d i n g tjo n, der im Namen der französischen Delegation für Bulgarien zwei Zusatzartikel beantragte, die die vollständige Gleichheit aller Bewohner des Landes ahne Unterschied der Religion in bürgerliches und politischer Beziehung, sowie die völlige Freiheit der Religionsubung festlegten. Bismarck schlug vor: da dieser Antrag auf den Fortschritt der Zivilisation Hinziele! und gewiß keines der Kabinette gegen ihn Einspruch erheben werde, io möge man es den Antragstellern überlasten, den Zeitpunkt zu wählen, wann er zur Diskussion g« stellt werden sollte. Ihm j schloß sich, diesmal, sowie in der nächsten Sitzung, in welcher die Diskussion stattfand, Lord - alisbury an, der dem Wunsch Ausdruck gab, das Prinzip der Religionsfreiheit auf alle Provinzen des ürkifchen Reiches in Europa wie in Asien ausgedehnt zu wissen. Der türkische Vertreter Karathv.odory Pascha erklärte, daß dies Prinzip mit der allgemeinen Gesetzgebung der Türkei sowie mit den Verträgen und tonventione^t übereinstimme. Bismarck betonte wiederholt, daß die deutschen Vertreter sich diesen Anchten und Wünschen anschließen und beendete die Debatte it den Worten: »Es wird ins Protokoll eingetragen 'erden, daß.der Kongreß einstimmig die Vorschläge rankreichs ich zu eigen mache und daß die! Mehrheit der evollmächti;ten den Wunsch ausgesprochen habe, daß die eligionsfre heit eine möglichst große Ausdehnung erhre." j Da es nicht gut anging, den Juden, hie sich unter rkischer Herrschaft vollkommener Freiheit und Gleich- :t erfreuten, diese in dem neugeschaffenen! Bulgarien zu rweigern,' so erhoben die russischen Bevollmächtigten esmal keine Einwendungen.! Aber ary 28. Juni stand die Unabhängigkeit Serbiens uf der Tagesordnung und in diesem Lande hatten die uden viel zu leiden gehabt. Der türkische Bevollmächgte und noch nachdrücklicher Lord Salisbury verlangten, jf} für Sexbien „das große Prinzip der Religionsfreiil" stipuliert werde. Waddington wüsste die Unabngigkeit Serbiens ausdrücklich an die gleichen Bedinngen geknüpft wissen, wie die Bulgariens. Das brachte 2 Russen in Harnisch. Fürst Gortschakow, der erste -ssische Delegierte, bemerkte, daß diese! Fassung sich .'uptsächlich auf die Israeliten beziehe unh da müsse er, ,ne den hier ausgesprochenen allgemeinen Prinzipien ’ ‘ widersprechen, doch wünschen, daß in d^r Judenfrage, die erst später zur Verhandlung Kommis nicht jetzt schon ein Präjudizium geschaffen werde. Gegen die Freiheit der Religionsübung habe auch er nichfs einzuwenden; wenn es sich aber um bürgerliche und! politische Rechte handle, so dürfe man die Israeliten voin Berlin, Paris. London oder Wien nicht mit denen von! Serbien, Rumänien oder manchen Gegenden Rußlasids^verwechseln; elfteren würde auch er keine Rechte vetweigern. letztere aber seien nach seinex Ansicht eine wahre Geißel für die eingeborene Bevölkerung. Man sieht, Gortschakow kannte schon vor fünfzig Jahren die Theorie von dem Unterschied zwischen juden und Westjuden. Nun leistete sich Bismarck den hübschen Spaß; die russischen Juden gegen Gortschakow zu verteidigen. Er sagte: vielleicht müsse jener bedauerliche Zustand der Israeliten gerade ihrer bürgerlichen! und politischen Rechtlosigkeit zugeschrieben werden. Worauf Gortschakow^, der sich nie beherrschen konnte, herausplatzte, daß die. russische Regierupg unter dem Drucke der absoluten Notwendigkeit in gewissen Provinzen die'Iuden einer Ausnahmegesetzgebung zu unterwerfen gezwungen war, um die Interessen der Bevölkerung zu schätzen; die Ersah rung habe dieses Vorgehen gerechtfertigt. Das machte geringen Eindruck und Waddington bemerkte kühl: »Es ist von Wichtigkeit, daß diese feierliche Gelegenheit ergriffen werde, um die Grundsätze der Religionsfreiheit durch die Repräsentanten Europas anzuerkeunen. Serbien, welches in die europäische Völkersamilie als gleichberechtigtes Mitglied ausgenommen zu werden wünscht, muß im voraus die Grundsätze sich zu eigen machen, welche die . Basis der sozialen Organisation aller europäischen Staaten sind; das ist die unerläßlich^ Bedingung der Gunst, die Serbien erlangen will. Fürst Gortschakow jedoch blieb mit greisenhaftem Starrsinn bei seiner Ansicht, daß den Juden in Serbien die bürgerlichen-und politischen Rechte auf eine absolute Weise nicht züerkannt werden dürfen. Der zweites russische Bevollmächtigte. Gras Schuwalow. suchte den schlechten Eindruck der Worte seines Chefs abzuschwächen: Die Bemerkung des Fürsten Gortschakow soll keine Opposition gegen den französischen Antrag sein; in gewissen Gegenden Rußlands sei aber .das israelitische Element viel zu zahlreich und mußte I darum Gegenstand besonderer Reglementation werden; doch hoffe er, daß man in Zukunft den vom Fürsten — Gortschakow angedeuteten unzweifelhoiftssn Mißständen werde begegnen können, ohne die Religionsfreiheit anzutasten, deren Ausbreitung auch Rußland wünsche. Fürst Bismarck schloß sich dem französischen Vorschlag ohne Vorbehalt an und erklärte: Deutschlands Zustimmung sei im voraus jeder Anregung zugesichert, die die Religionsfreiheit begünstige. Der Graf de Launay erklärte im Namen Italiens, daß es ihn dränge, dem Prinztp der Religionsfreiheit zuzustimmen, welches eine der Hauptgrundlagen der Einrichtungen seines Vaterlandes bilde, und daß er sich den Deklarationen Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens vollinhaltlich anschließe. 357