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Der Schild · 1929-11-01 · 44 (1.11.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
44 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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um feine Teilnahme für die Erfüllung der in jenen Vorstellungen dargelegten Wünsche zu betätigen. Der Zeitpunkt, zu welchem der Versuch einer solchen Einwirkung zu machen sein wird, läßt sich freilich mit Bestimmtheit nicht vorhersehen: sollten indesien die Verhandlungen der aus Anlaß der gegenwärtigen Friedensunterhandlungen in Anrege gebrachten Konferenz eine Möglichkeit dazu gewähren, so wird der deutsche Bevollmächtigte alle Bestrebungen unterstützen, welche dahin zielen, daß den Angehörigen jedweden Religionsbekenntnisies in den betreffenden Ländern dieselben Rechte und Freiheiten zuteil werden. welche ihnen in Deutschland verfassungsmäßig gewährleistet sind." - Der Kongreß trat am 18. Juni zusammen. Die ersten Staatsmänner des Zeitalters repräsentierten die Großmächte Europas, und waren vereint, um das Schicksal * d»s Erdteils zu bestimmen. Die Alliance Israölite Univrrselle in Paris entsandte nach Berlin drei ihrer tätigst m und hervorragendsten Mitglieder, Kann, Retter urd Veneziani. bewährte Kenner Der Orientangestgenheiten: sie sollten die Sache der Juden bei den Mitg iedern des Kongrestes vertreten. In Berlin bestand damals der angesehenste und einst tßreichste Zweigverein der Pariser Alliance, unter der Ll itung des energischen und unerschrockenen Dr. S a l o - man Reumann. An diesen Zweigverein war das schon erwähnte Rumänien-Komitee angegliedert, dem eilige der hervorragendsten und verdienstvollsten Pkrsö rlichkeitenunter den deutschen Juden angehörten: so de r Arzt Dr. S. K r i st e I l e r in Berlin, Dr. H. Baer - w a l d in Frankfurt am Main, einer der besten Köpfe ur d vornehmsten Charaktere jener Zeit; Professor M o r i tz L a z a r u s, der in der Gelehrtenwelt großen Ruf genoß und sich der Freundschaft des deutschen Kronprinzen und seiner Gemahlin erfreute: Berthold Auerbach, der bei der Kaiserin Augusta sowie bei den Ettern des Fürsten Caroi von Rumänien in hohem Ansehen stand und bereits im Jahre 1868 zugunsten der rumänischen Juden interveniert hatte: Jakob Birnays, einer der ersten Altphilologen Deutschlands, deis ein Hausfreund der Eltern der Fürstin Elisabeth von ränien war (Carmen Sylva hat ihm nachher in ihren ßmoieren ein schönes Erinnerungsblatt gewidmet), er der wichtigste von alle» war der bereits genannte Ion von Bleichröder, dessen Meinung Bismarck unrein hochschätzte und der sich jetzt mit auffallendem ef der Sache der rumänischen Juden widmete. Die jüdischen Vorkämpfer machten sich denn auch sofort an die Arbeit. Retter gab dem Präsidenten der Allmnce regelmäßige Berichte über ihre Schritte. Am 12.Iuni schreibt Retter: „Herr von Bülow (derStaatssekretär des Auswärtigen Amtes, zweiter deutscher Vertreter) hat uns einen ausgezeichneten Empfang bereitet und gab uns die besten Versicherungen; das ist ein Mann von umfastrnder Intelligenz und großer Liebenswürdigkeit," Am 18.: „Heute haben wir den Fürsten von Hohenloije-Schillingsfürst (Kritzler deutscher Delegierter, nachmaliger dritter Reichskanzler) besucht. Er hat seine Karriere damit begonnen, die Emanzipation der^ Juten in Bayern zu verteidigen und will sie krönÄr^ indüm er die der rumänische« auf dem Kongreß durchsetzt. Er erbat sich von uns ergänzende Belehrungen in der Frage." Am 19. schrieb Retter: „Kann besuchte heute morgen T o i z 4, den Sekretär des Grafen Andrästy, der ihntjsagte, daß die Herren übereinstimmend geneigt sind, die Sache der Juden zu unterstützen, die gewiß von Lord Bea wnsfield aufs Tapet gebracht werden wird, in diesem Fall i wird sich Andrästy ihm anschließen." In Wirklichkeit war es, wie wir weiter unten sehen werden, nicht Bea wnsfield, sondern der französische Delegierte, der die graue aufs Tapet brachte. Graf Andrästy war nicht 346! sonderlich für die Sache der Juden begeistert. Kaiser Franz Joses hatte es daher, wie damals in Berlik allgemein bekannt wurde, für notwendig erachtet, feinerk Minister des Aeußeren durch eine besondere Depesche sehr energisch einzuschärfen, daß er sich der Judenemcmzipation mit aller Kraft annehmen sollte. Am 21 „Herr von Bleichröder hat gestern den Fürsten Bismarc. gesprochen und von ihm die Zusicherung erhalten, daß e die Iudenfrage auf dem Kongreß zur Sprache bringet 'wird. Bleichröder drängte darauf, daß dies bei den Der Handlungen über Bulgarien geschehe, der Fürst jedock antwortete, daß man bei diesem Punkt noch nicht ange langt wäre und gab sein Ehrenwort, daß man mit Sicher heit auf ihn rechnen könne." Wie wir misten, ist das Versprechen ja auch eingehalten worden und es sei hier vorweggenommen, daß Bleichröder bald seinen Schutz sogar auf die russischen Juden ausdehnen konnte. Am 9. Juli 1878 schrieb er an Creinieux: „Gestern hatte ich das Vergnügen, den Graf.en Schuwalow eine Stunde lang bei mir zu Gast zu haben; ich sprach mit ihm sehr ernst und offen über die absolute Notwendigkeit für Rußland, in den Fragen der Humanität und der Gerechtigkeit nicht zurückzustehen. Ich machte ihn auf die Gefahr aufmerksam. die dgrin besteht, den Bewohnern Beßarabiens die Freiheit des Bekenntnistes zu versagen, welche der Kongreß soeben für Serbien, Rumänien und Bulgarien proklamiert hat. Der Graf Schuwalow, ein Mann von edlem und vornehmen Charakter, versprach mir, sofort nach endgültigem Friedensschluß dafür Sorge zu tragen, daß die russische Regierung, an deren Spitze er sicher alsbald treten werde, die Gleichberechtigung der Bekenntniste im Reiche des Zaren proklamiere. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß Graf Schuwalow der Mann dazu ist, sein Wort zu halten, koste es, was es wolle." -4— (Fortsetzung folgt.) j Erziehung zur Volksgemeinschaft Wieder wie vor einem halben Jahr veranstaltete der Landesverband Groß-Berlin des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen Aussprache-Abend. Diesmal im Steglitzer Gymnasium. Das Thema lautete: Ueberbrückung der Konfessionellen Gegensätze durch Erziehung zur Volksgemeinschaft. Um Erziehung ging es, und so war es selbswerständlich, daß Lehrer und Erzieher sprachen, weltliche und geistliche. Besonderen Beifall fanden die Worte des Rabbiners Dr. Winter auch bei den Nichtjuden unter den Hörern. Dr. Winter sprach von der Friedenssehnsucht der Juden, die sie im täglichen Gebet ausdrücken, schilderte ihre Zugehörigkeit zum deutschen Vaterland, in dem sie schon seit 2000 Jahren wohnen, das sie lieben und für das sie im Weltkrieg gekämpft und geblutet haben. 1-2 000 Gefallene legen Zeugnis davon ab. Alle Nichtachtung einer fremden Religion führt er auf Unkenntnis zurück. Nur einen Glauben, den man nicht kennt, von dem man nichts weiß, kann man so schmähen. Deshalb fordert er alle Christen auf, einmal in jüdische Gotteshäuser zu kommen, um aus eigener Wissenschaft den jüdischen Glauben in seiner ganzen Tiefe beurteilen; t lernen. Nur gegenseitiges Berstehen kann der Weg sein, der Gegensätze überbrückt, der zu Achtung und Zusammenschluß führt. Tie Berührungspunkte der Konfessionen heißt er suchen, das Bereinende, nicht das Trennende betonen. Dann werden alle Menschen von dem Zusammengehörigkeitsgefühl erfüllt fein, das ihn als Feldrabdiner in Laon mit dem protestantischen und katholischen Feldprediger verband, als sie gemeinsamihre Toten zur letzten Ruhe bestattet hatten. Auch die anderen Redner, Pfarrer Bleier und der katholische Rektor Kellermann, erhoben ihre Stimmen gegen den Antisemitismus. Pfarrer Bleier aus dem Grundsatz der christlichen Ethik heraus, Rektor Kellermann ausgehend von dem staatsbürgerlichen Gemeinschaftsgefühl, das stärker sein soll ais konfessionelle Gegensätze. Konfessionelle Gegensätze sind nicht Sache der Politik, so betonte Rektor Kellermann. Lehrer Raeppel führte aus, daß Weltanschauung sticht Sache der Schule sein könne. Er stellte sich in bewußten Gegensatz zu Rektor Kellermann, indem er als Vertreter des Deutschen Lehrervereins füt die allgemeine Volksschule und gegen die Konfessionsschule eintrat. Die Diskussion brachte noch manche interessante Ausführung und Ergänzung. Lehrer Müller-Claudius beleuchtete die kon-

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