Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 42/43 (22.10.1929)
- Date
- 1929-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Rasse anschauen. Die moderne Demokratie ist kein Resultat „jüdischer Mache", sondern das Resultat der modernen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, die überall da. wo das Volk den Grad solches Entwicklung erreicht hat. zur Demokratie führt. Diese hat auch nicht die Tendenz, die „nordische" Rasse zu zerstören, sie hat überhaupt keine rassenmäßige Tendenz. Sie ist zuerst zum Siege im angelsächsischen Amerika gelangt. „ Im Hirne von Angelsachsen, die doch im allgemeinen zum nordischen Typus hinneigen, ist der Gedanke der modernen Demokratie entstanden und ausgebildet worden. Dev cunac In der „Umschau", einer Zeitung in Cincinnati (US- A.j, finden wir diöse interessante Studie: - Ein Engländer prägte das grausig sarkastische Wort: „Dem Volk erscheinen alle Religionen gleich richtig, dein Philosophen gleich falsch, den Regierungen gleich nützlich". jDie englischen >.ci]ierungen basieren manche ihrer diplomatischen, drahtzieheri'chen Kunststücke auf der Weisheit ihres Landsmannes Gibbons.?.\e regieren Indiens Millionen, indem sie sich dey Religionshah der Hindus und Moslems zunutze machen, sie wissen auch aus d.r Feindschaft zwischen Mohammedanern und Juden in Palästina ihren Nutzen zu ziehen. Tenn es ist leider die traurige Wahrheit, daß Religionen zwar den Regierungen! gleich nützlich und den Philosophen gleich falsch erscheinen, aber die Pölker sind noch weit davon entfernt, alle für gleich richtig zu erklären. * Die Geschichte des Judentums ist in vielen Punkten die Leidensgeschichte aller Minoritäten. Akzentuiert wird sie zunächst einmal dadurch, dah die zwölf Stämme nie, nicht einmal in der biblischen Glanzzeit, numerisch das Uebergewicht in dem von ihnen bewohnten Lande hatten. Als Salomo seinen Tempel baute, wohnten in ganz Judäa nicht genügend jüdische Zimmeri.ute, das Werk zu vollenden: Davids Ierushalayim war ein jüdischer Fels, umbraust vom Meer der Götzenanbeter. In den dürren Wüsten Arabiens lebten die Hirtenstämme der Semiten, wenn die Bibel von. dem Nebel der Sage den Schleier lüftet und zu einem Künder unverrückbarer Tatsachen wird. Wie sie dorthin kamen, wissen wir nicht. Wohin sie u ollten, erzählt und Moses in dem Buch, das von der ägyptischen Gefangenschaft berichtet. Die Stämme lebten im Lande Goschen, im östlichen Nil-Delta, bis ein mächtiger ägyptischer König, Vharao Rhamses der Zweite, sie als Sklaven in sein Königreich eutsührte. Hier muhte das freie Hirtenvolk Grabdenkmäler bauen.... Immerhin gab Rhamses seinen Sklaven zu essen und i.onchesmal, nachdem der Träumer Moses die Juden aus der Gefangenschaft befreit hatte, sehnten sie sich nach den „Fleisch- Gpfcn Aegyptens". Sie sind diese Sehnsucht bis heute noch l icht ganz losgeworden. Aber um sie wieder zu Herrenmenschen . machen, auf dah sie die Entbehrungen der Wüste ertragen i.mnten, führte Moses sie in das Gebirge Horeb, an den Berg ^:»ai, und hier lieh er den „Donnergott" Jehova zu ihnen ' rechen. Seither weilte Jehova unter ihnen, seinen auserwähl- . n Kindern, ob nun die Wüste in Arabien lag, oder in Ruh- :d, ob sie unter Roms Kohorten oder den Kofacken zu leiden . iten. Und als Bismarck einmal gefragt wurde, ob er einen i btbaren Beweis für die Existenz eines einigen Gottes anzubcn wisse, antwortete er. ohne sich zu besinnen: Dir Juden. Im Lande Kanaan waren die Juden eine verschwindende nderheit unter Baalsdienern und Götzenanbetern. Es war ' .e Frage vom Ueberleben des Stärkeren, und ihr Glaube an hwe machte die zwölf Stämme stark. Gleichzeitig mit dem '.inpf um die Scholle ging die Umstellung vom Nomadenleben i die Gewohnheiten eines Ackerbau treibenden Volkes vor Bis heute haben die Juden ihr Nomadenwesen noch nicht "uj aufgegeben. v Und doch, zwölf Stämme in dem Meer der Kanaaniter, io« Stamm von einem Richter geführt, verloren sie nicht ihre 'genart. Gegen Moabiter und Ammoniter, gegen Philister hten sie ihr Land jahraus, jahrein verteidigen. Dann als io Not am höchsten, fielen die zwölf Stämme auf die rettende >ung: sie wurden ein geeintes Volk unter einem König. Dem biederen, ehrlichen König Saul folgte der stolze Räui ckönig David, der sich in verschiedenen Streifzügen sein Reich aärundete". Sein Nachfolger Salomo wuhte Davids Erbe -Gon nicht mehr zusammenzuhalten, und mit seinem Totl^ '■-Itctc sich das eine Iudenreich in zwei, deren jedes von den ■ chbarreichen verschlungen werden muhte, und verschlungen l—irde. Israel wurde zuerst angegriffen. Drei grauenvolle Jahre u'idersetzte sich die Hauptstadt Samaria, ehe sie im Jahre 722 v Ch. fiel. Die Bewohner des Landes verloren sich unter'den Astyriern, und wir sprechen noch heute von ihnen als von den verlorenen „Zehn Stämmen". In Abessinien und China vermuten wir ihre Nachkommen in kleinen Kolonien. Juda hielt sich etwas länger, 597 v, CH. wurde auch dieses Reich zerstört, von den Babyloniern unter Nebukadnezar. Aber dies ist das Wunder: orientalische Reiche kommen und gehen, die Philister und die Edomiten, Phönizier und Moabiter, sie starben und vergingen. Nur die alten Hebräer überlebten die Zeiten. Denn in den fünf Jahrhunderten ihrer armseligen Unabhängigkeit hatten sich die Hebräer ein Reich des Geistes errichtet. In den Körper dieses Volkes hatten Männer, die wir heute Propheten nennen, eine unsterbliche Seele gehaucht. Nicht Jahwe, der einige Gott war besiegt worden, als seine Kinder in die babylonische Gefangenschaft geführt wurden, nein, er selbst hatte das Leid als eine Strafe über sein Volk gebracht. Und Erlösung würde kommen, wenn er es an der Zeit hielte. So ist die fernere Geschichte des Judentums, mit all feinem Leiden, seinen Verfolgungen, seinem gelegentlichen Ausatmen und stets folgendem Ersticken allein verständlich. Hier ist nicht Die nächste Nummer des „Schild" erscheint am 1. November 1929. V Raum, von der geistigen Entwicklung des Judentums zu sprechen. Aber wir haben uns bemüht, den Hintergrund des sonderbarsten Volkes der Weltgeschichte aufzuzeigen, dessen Geschichte unter anderen in einem Buche beschrieben ist, dessen Titel lautet: Ltronxer tbon tiction, merkwürdiger als ein Roman.... ¥ Und es geschah im Laufe der Jahrhunderte, genaü'im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, dah wieder einmal ein winziger Ableger des Judentums vom.Sturm beinahe gebrochen zu werden drohte, und zwar in Frankreich. Der Antisemitismus schlug hohe Wogen und rih in seinen Strutzß^-den französischen Artilleriehauptmann Alfred Dreysus yinem. Das war ja das Geschick der jüdischen Minorität in allen Ländern und zu allen Zeiten; in Frankreich galten sie als deutsche Spione, in Deutschland als französische. In Frankreich war damals grohe Unzufriedenheit ob einer korrumpierten Regierung. Die sah sich nach einem Sündenbock, einem Blitzableiter um. und fand ihn wie gewöhnlich in dem „merkwürdigen Volk". So wurde der junge Jude Alfred Dreysus angeklagt, an Deutschland militärische Geheimnisse verraten zu haben. Prozeh und Verurteilung, so hoffte man, würde zu einer Woge des Antisemitismus führen, welcke die Bestechungsaffären in.Regierungskreisen fortwaschen würde/ Aber Dreysus entpuppte sich als schlechter Sündenbock: er kämpfte. Seine Familie war reich und kam zu seiner Verteidigung. Während Treyius auf der Teufelsinsel in Gefangenschaft sah, trat Emile Zola, der Nichtjude, für ihn in die Schranken. Nach zwölf Jahren wurde Dreysus freigesprochen. Dieses Zwischenspiel lieh die Juden klar erkennen, dah in Dreysus nicht ein Jude, sondern der Jude vor dem Richter gestanden hatte. Eie fanhen heraus, dah sie immer noch Zigeuner, heimatlos waren. Sie hatten geglaubt, überall zu Haus zu fein, nun glaubten sie. dah sie nirgendwo zu Haus waren; dah die Stunde der Erlösung noch nicht geschlagen hatte. * Zur Zeit des ersten Dreysus Prozesses lebte in Paris als Korrespondent der 'Wiener Freien Prelle ein Mann namens Theodor H e r z l. In Budapest im Jahre 1869 geboren: hätte er weder auf der Universität noch als Journalist sich irgendwie für jüdische Tinge interessiert. Er war ebenso typisch ein Jude, wie Alfred Dreysus: ein Jude nur der Geburt nach. Die Geschichte des jungen Offiziers, der verachtet und verfolgt wurde, nur weil er ein Jude war. lieh den Zeitungsmenschen über die Zukunft seines Volkes Nachdenken. Er wuhte nichts von der mefsianischen Hoffnung. Nur dies: dak er als ein Fremdling betrachtet wurde und als ein Eindringling, wo immer er auch lebte. Und er glaubte die Lösung zu finden. 341