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Der Schild · 1929-10-22 · 42/43 (22.10.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
42/43 (22.10.1929)
Date
1929-10-22
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Gierung sichergestellt ist. Eine umfassende Umstellung wird erst bei einer günstigen Aenderung der Wirtschaftslage zu erfolgen haben. Worauf wir dagegen unser Augenmerk zu richten hstben, das ist die Zukunft in den verschiedenen Berufen drs Handels. Der Handel hat seinen Sitz in der Stadtünd in der Stadt werden sich die entscheidenden Wandlungen vollziehen, die der Zukunft des deutschen Judentums ihr Gepräge geben können. Und hier taucht das $ roblem Großstadt oder Kleinstadt auf. Eine Großst idt, Berlin, beherbergt heute fast die Hälfte der di utschen Juden in ihren Mauern. Ob diese Entwicklung und diese Tatsache auf die Gestaltung der Zukunft einen günstigen Einfluß haben wird, ist recht anzuzweifeln. Bri der jetzigen Lage ist die Kleinstadt, die schon in be¬ I Staat. Gesellschaft und nordische Rasse Von Kuno Waltemath.! Unzweifelhaft hat der Glaube von der Ueberragendhe t der nordisch-germanischen Rasse tiefe Wurzeln in den Rrihen der Intellektuellen, Studenten, Gelehrten und po irischen Theoretikern geschlagen. Eine furchtbare Ge< hä sigkeit entströmt ihm, eine Vergiftung des inneren Fr edens. eine Vertiefung antisemitischer Gefühle, weil er die Grundlage einer Lehre der politischen Anthropologie geworden ist. die enge Zusammenhänge zwischen dem Staate und der Gesellschaft und der nordischen Raffe ap limmt. Gewöhnlich sind es Feinde der modernen demokratischen Entwicklung, die solchem Glauben huldigen. Am meisten Anhang hat die Lehre in den Schichten, die durch die Ereignisse des Kriegsendes aus der politischen Macht in Deutschland geworfen sind. Sie, gewöhnlich die höheren Schichten der Gesellschaft oder was sich dazr rechnet. Adel. Bürokratie, viele Akademiker, viele aus dem höheren Bürgertum klammern sich daran, daß sie i>ie nordische Raffe des blonden Langschädels am reinsten darstellen und daß ihnen deshalb von Rechts wegen die Führung mrü die Macht im Staat gebühre. Zugleich krä tigey sie ihre Gemüter und ihren niedergebeugten Sto z, indem sie meinen, daß die nordische Rasse die echte germanische, die Raffe der germanischen Stämme zu den Zeilen Roms sei. Davon sind auch sehr oft andere überzeug t, obwohl es wissenschaftlich noch durchaus nicht feststehl. Die Raffengläubigen schmeicheln sich, in den europäischer Langschädeln mit blonden Haaren und blauen Augen die Führer der europäischen Nationen zu sehen, die Bildner rer europäischen Kultur, die Begründer und Ausbauer der europäischen Staaten. Die alten aristokratischen Stac tsverfaffuygen, die bis zur französischen Revolution beste nden, die alte aristokratische Versaffung Engldnds; die L918 zu Grabe getragenen deutschen Verfassungen ,wären der klarste Ausdruck des germanischen Wesens gewesen, ihre Vernichtung und Umwandlung das Werk ungern anischer niedrigstehender Raffenelemente, namentlich jüdischer. Die moderne Demokratie sei ungermanisch, dem Einflüsse undeutscher und jüdischer Geisteszustände entsprossen. In einer umfangreichen Literatur, die kaum noch zu übersehen ist. in periodischen Zeitschriften, wie in der „Ant iropologischen Revue", in „Deutschlands Erneuerung' usw. werden solche Gedanken mit Leidenschaft verfochti n, wobei der Begriff des Germanen, an besten Stell : oft der vage Begriff des Ariers tritt. Nicht ganz eng mit dem des blonden Langschädels identifiziert wird, sondern etwas freier gedacht wird. Gewöhnlich schlummert rber das häufig unklare Bild des nordischen Mannes im Hintergründe. Immer gilt diesem Schrifttum das aristo rratische Staatsideal als das echte germanische, als die echteste Aeußerung des Germanentums, das Demokratis che als das Erzeugnis „jüdischer" und „westlerischer" Raffe iempfindungen, d. h. der Ideen untergeordneter Rassen. Eine kaum zu überbietende Problematik kennzeichnet die Grundlage der aristokratischen Raffenidee. Diese Idee ^beruht aus dem Glauben an die Konsistenz der völkerungspolitischer Hinsicht wesentliche Vorteile bietet, der Großstadt vorzuziehen. In der Kleinstadt hat der jüdische Kaufmann noch immer relativ mehr Aussich: seinen Einfluß zu bewahren. Trotzdem verlangt auch die Kleinstadt die Kräfte, die die Gewähr für ein gedeihlicher. Fortkommen versprechen. Wenn in der Gegenwart die Mehrzyhl aller jüdischen Erwerbstätigen auf den Versuch, sich selbständig zu machen, verzichten muß. so ist gerade die Kleinstadt am ehesten der Ort. wo diese Mög lichkeit'noch vorhanden ist. Alles in allem: die Zukunft des deutschen Juden tums wird im Bereiche des Wirtschaftlichen entschieden. Hieraus ergibt sich der Zwang zum Handeln, ein Zwang, der noch manche Anforderungen an die Tatkraft der deutschen Iudenheit stellen wird. Raffen, beruht darauf.' daß die Bildung der Rassen unbeeinflußt von Einflüssen der Kultur, des Klimas, des Bodens, der Höhenlage, der Lebensverhältnisse sich voll zieht. Aber große Anthropologen halten Schädel- und Körperbau von solchen Einflüssen abhängig. (Siehe Ranke. Beiträge zur physischen Anthropologie der Bayern. München 1883. — Boas, Kultur und Raffe. Berlin und Leipzig 1922. — Scheidt, Allgemeine Raffen Kunde, 1925.) — Es ist alles so zweifelhaft, daß man sich noch nicht einmal darüber klar ist, was denn überhaupt eine Raffe ist. Selbst der blonde Langschädel wird nur als Hypothese bewertet. Bereits Virchow sagte auf dem 28. Deutschen Anthropologenkongreß: „Der sogenannte germanische Schädel mit mäßiger Breite, nicht zu hoch, nicht zu länglich geformt und von schöner Gesichtsform ist nur eine Hypothese." Die ganze Problematik erhellt, wenn man die Untersuchungen des Professors Iwanowsky in Charkow betrachtet. (Archiv f. Anthropologie, 1923, i. pag. 1.) „Die anthropologischen Veränderungen russischer Völker unter dem Einfluß der Hungersnot". Er chat 2114 Menschen in Großrußland und in der Ukraine untersucht und gefunden, daß deren Schädel, die sicher breitköpfig waren, unter der Einwirkung der Hungerjahre mehr langschädlig geworden sind. Das Elend hat die Köpfe lang gemacht (siehe Wilhelm Schmidt, S. V. T., „Raffe und Volk", Verlag Kösel, München). Ammon versuchte an der Hand von Untersuchungen an badischen Militärpflichtigen seiner Anschauung, daß die oberen Gesellschaftsschichten zur Langschädligkeit hinneigen, Beweiskraft zu geben. Der Anthropologe Ladislaus Gumplowicz hat ihm aber vorgeworfen, das Ergebnis dieser Untersuchungen auf falsche und anfechtbare Weise genutzt zu haben. Er konstatierte, daß jenes Dogma nicht nur nicht bestätigt, sondern im Gegenteil widerlegt ist. („Politisch-Anthropologische Revue", 1902.) Wie wenig es als erwiesen gelten kann, daß die geistig hochstehenden Schichten zum sogenannten nordischen Typus gehören, ergibt sich daraus, daß gerade viele Genies in Deutschland ihn nicht eigneten, ja die meisten Genies: Bismarck, Leibniz, Kant, Lessing. Wieland. Goethe, Schiller, Fichte, Luther, Dürer. Nietzsche, Stein. Beethoven waren nicht nordischer Raffe. Nur wenige deutsche Genies sind ihr zuzurechnen, so Mozart, Grillparzer, Moltke. Die Juden, die doch unverhältnismäßig stark unter die geistig, sozial und wirtschaftlich Hochstehenden einzurerhen sind, haben im allgemeinen den brünetten breitköpfigen Typus. Schlitz, der Württemberger Anthropologe, stellt den blonden Langschädeln, die 12 Prozent seiner Landsleute ausmachen, wegen ihrer Intelligenz kein so günstiges Zeugnis aus wie den brünetten Langschädeln und den Breitköpfen. Rudolf Virchow verbindet geradezu die Abnahme der Langschädel mit - einer Zunahme der geistigen Fähigkeiten, ihm sind die Breitköpfe die intelligenteren. (Archiv f. Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Bd. 67, pag. 677.) Es wird immer ein Fehlgriff bleiben, die Ideen von Staat und Gesellschaft mit der Raffenfrage zu verquicken, die einzelnen Volksschichten raffenmäßig zuierfaffen. Niemals darf man den Sieg der modernen Demokratie, wenn man sich nicht dem Vorwurf der Objerflächlichkeit aussetzen will, als einen Sieg der „schlechten" 340 >

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