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Der Schild · 1929-10-22 · 42/43 (22.10.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
42/43 (22.10.1929)
Date
1929-10-22
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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~ \ In unserer Zeit spielt das wirtschäftliche Geschehen ein- Rolle, die zu unterschätzen man geneigt ist. Ueberall womn man blickt, steht die Wirtschaft im Mittelpunkt der Ereignisse. Der einzelne Mensch ist einxeordnet in einen Kreis von Abhängigkeiten, in einen unentrinnbaren Zr lammenhang des sozialen Lebens, derj ihn formt, ohne sich selbst viel formen zu lassen. Der jüdische Wirtschaftsmensch hat hier ein besonderes Problem;u lösen. Immer war sein ganzes Sein verknüpft mit wirtschaftlichen T-ngen. Er wurde von ihnen ersaßt. Und während der ganzen Zeit der Diaspora war diese U nweit ihm meist semdlich gesinnt. Er wurde zu wirtschaftlicher Tätigkeit gedrängt durch äußere Einflüsse, die wlitischer Natur waren und durch sdsche Einflüsse wiederum in seinem Wirken beschränkt und gehemmt. Und heute hat sich dieses Bild nichl viel gewandelt. Hinter der Fassade einer formalen Glüchheit verbürgt sich eine Fülle von Abhängigkeiten, die auch jüdische Wirtschaftstätigkeit unmittelbar betreffs. Es handelt sich hierbei, wie so oft in der Geschichte um beschränkte Möglichkeiten in Berufsauswahl und -Tätigkeit. Ein Blick auf unser heutiges Wirtschaftsleben zeigt die Wandlungen, die sich vollzogen haben. Er zeigt das Vordringen der Konzerne, die Borherrschaft der Großunternehmung. Riesengebilde sind entstanden, die heute schon 62 Prozent des gesamten deutschen Aktienkapitals in ihrer Gesamtheit umfassen. Eine gewaltige Konzentration der Betriebe und des Kapitals hat sich vollzogen. Vicht nur eine sinanzisslle Machtstellur g wird so geschaffen, sondern auch leine politische. Vor allem aber bringt der Konzern eine gewisse „Verbeomtung" mit sich. Ter einzelne wird schematisch in den Gong des Gesamtunternehmens eingeordnet. Und hier w rkt eine gewisse antisemitische Tendenz, die den jüdischen Angestellten vor seine« andersgläubigen Kollegen zurück setzt, oder meist ihn erst gar nicht einstellt. Ber der Macht und der Größe der Konzerne ein beachtenswertes Symptom. Noch von zwei anderen Seiten wifd das Wirken jüdischer PZirtschaftsmenschen behindert? Es geschieht dies durch/ die an Boden gewinnende Genossenschastsbewegung ustd durch die vielfach fühlbare Betätigung der ■ öffentlichen Hand", d. h. des Staates und der Kommu- "en, die in den letzten Jahren immer mehr sich einer aktiven Tätigkeit in der Wirtschaft zugewandt Haben. Die Genossenschaften haben sich vor allem in dem 'ndwirtschaftlich stärker durchsetzten Osten Deutschlands' durchsetzen können. Meist nicht auf Grund ihrer Leiingsfähigkeit allein. Sondern oftmals begünstigt durch denfeindliche Strömungen nach dem Kriege. Sie bil- . n eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz für die jüdi- 'chen Kaufleute, besonders im landwirtschaftlichen Prochtenhandel. Diev Betätigung der „öffentlichen Hand" hat nach m Kriege in verstärktem Maße eingesetzt. Diese „kalte ozialisierung" hat viel Widerspruch hervorgerufen. Aber rotzdem.sind die Unternehmen, die sich inj staatlicher und ^mmunaler Hand befinden, stetig gewachsen. Bom jüdihen Standpunkt bilden sie eine geschlossene Berufs-?uppe. Denn Juden sind hier nicht oft zu finden. Ob es zum Teil auch eine Schuld der Jüdin selbst ist, die el zu wenig die Beamtenlaufbahn einschlagen, sei dahinstellt. Wenn wir diese drei Elemente, die einer jüdischen etätigung in der Wirtschaft ablehnend g »genüberstehen, - dem Gesamtbild, das durch Nachkrieg und Inflation 'schaffen wurde, hinzufügen, so wird wie von selbst die <^lage nach der Zukunft aufgeworfen. Wir wissen, daß das Judentum leinr Angehörigen irwiegend in den Reihen des Mittelstar des hatte, der ich schon der mosaischen Gesetzgebung aw ein gewisses ..Wirtschaftsideal" darstellt. Und dieser Mittelstand hat durch den Krieg und die Inflation schweb gelitten. Er isc nahezu aufgerieben worden. Breite üflassen wurden chast und Judentum Bon Arno Herzberg, cand. jur. proletarisiert. Fast jeder hat von vorne anfangen müssen/ Und wie viele sind aus ihrpr Existenz herausgerissen worden! Gerade das Iudentrfm ist schwer durch den Verlust der Provinz Posen betroffen worden. Es verlor sondern auch die Quelle für wirtschaftlich brauchbarer nicht nur ein Kulturzentrum. Erneuerung und Nachschub Menschen. Auf diesen Grundlagen i t die Frage der Zukunft zu beantworten. Sie scheint unter den gegebenen Umständen nicht allzu günstig zu sein. Aber doch hängt vieles CMaacncntcnfmal der Statt Seaftatt b. Pinne anf de« iütliche« Frtethos in Peibenfee. (Errichtet von der Firma «ltman» & Gerion. deren Mitinbaber Gerion Kamerad unitred Bundes ist.) ist vor allem ein Problem" r Nachwuchs, der sich veritz. als von der deutschen Iudenheit selbst ab. Nicht die Dinge auf sich zukommen lassen, rstuß hier, wie so oft, die Losung sein. Das Problem der Zukunft der Berufsumschichtung für de änderten Verhältnissen besser anzupassen weiß, als die schon ein Menschenalter in ihrem Berufe Tätigen. Wir haben dargelegt, daß viele Berufe so gut wie gesperrt sind. Aber doch wird man sie nicht als ganz aussichtslos für den jüdischen Erwerbstätigen bezeichnen können, wenn wir nicht einseitig auf sie verzichten. Zu denken ist hier vor allem an die Beamtenlaufbahn. Besonders in Frage käme die mittlere Beamtenkarriere, für die die geeigneten Kräfte zu stellen wären. Bei der ganzen heutigen Wirtschaftslage ist es wiederum nicht zu empfehlen. allzu sehr auf die Zukunftsmöglichkeiten in der Landwirtschaft hinzuweisen. Die Landwirtschaft steht heute in einer krisenhaften Entwicklung, aus der sie die nahe Zukunft nicht befreien wird. Deshalb sind Versuche in dieser Richtung, so beachtlich sie auch sein mögen^ nur zu beginnen, wenn für sie die genügende finanzielle Fun- - ' - 339

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